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3. Mittelalter und frühe Neuzeit – jetzt heißt’s „Zähne zusammenbeißen“!
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3. Mittelalter und frühe Neuzeit – Jetzt heißt’s „Zähne zusammenbeißen“!
Die Literatur-Recherche zu dieser Zeit ist nicht wirklich einfach, da das zur Verfügung stehende Material zum Einen sehr dürftig ist, z. B. Konrad von Megenberg um 13001 und zum Anderen auch etwas abenteuerlich – wenn beispielsweise Gessner in seinem „Thierbuch“ von 15832 zwischen allem möglichen Getier dann ganz selbstverständlich anfängt, Einhörner zu beschreiben . . .
Von der Definition her wird der Hauptunterschied zwischen Mittelalter (ca. 500 bis 1500 n. Chr.) und Neuzeit (ab ca. 1500) im Übergang von einer stark religiös und feudal geprägten Gesellschaft hin zu einem weltlicheren, wissenschaftlich und individuell orientierten Denken gesehen, wobei die Übergänge wohl eher fließend sind. Dabei dienen Werke wie die Gessners eben als Ausdruck eines wissenschaftsorientierten Denkansatzes.

Auch hier im Vordergrund der Löwenspitz
Um vielleicht eine ungefähre Vorstellung davon zu vermitteln, in welcher gedanklichen Welt die Menschen damals unterwegs waren und um den Einstieg in ihre Vorstellungs- und Gefühlswelt zu erleichtern, stelle ich mal vier Flugschriften aus der Zeit von 1661 bis 1750 ein. Sie sind also eindeutig bereits der Neuzeit zuzurechnen. Maler wie HIeronymus Bosch (ca. 1450 – 1516) oder Pieter Brueghel (1525 -1569) dagegen haben Gedanken- und Gefühlswelt der Menschen aus der noch früheren Übergangszeit eindrucksvoll dargestellt.
Es ist halt so leicht dahingesagt, dass die Leute damals abergläubisch waren, an Hexen glaubten usw.. aber für sie waren Hexen, Menschenfresser, Einhörner oder eine Butzen-Bercht keine surreale Fiktion, sondern realer Bestandteil ihrer Welt und man sollte sich hüten, da automatisch die Intelligenz einer Haferflocke zu unterstellen – auch heute noch in vielerlei Hinsicht angesehene Gelehrte wie Martin Luther beispielsweise waren oft felsenfest überzeugt von deren Existenz und sicherlich ist darum nicht restlos Alles unglaubwürdig, was sie uns überliefern. Die Übergänge sind manchmal fließend. Und – Hand auf’s Herz: Wann haben Sie das letzte Mal Ihr Horoskop gelesen?
Es ist also nicht immer ganz leicht, herauszufiltern, was nun glaubhaft oder wie es zu verstehen ist – es gibt ja durchaus Sachen, die heute noch Bestand haben, wie etwa der Satz des Pythagoras, die Butzen-Bercht dagegen eher nicht . . .
Für diejenigen, denen die Auflösung zum Lesen nicht reichen sollte (manchmal reicht es, die Grafik anzuklicken und in einem neuen Fenster zu öffnen), habe ich es mal als pdf zum downloaden darüber gestellt. Es mag vielleicht hilfreich sein, um den Eingang in die Gedanken und Gefühle unserer Vorfahren zu ebnen – ebenso, wie auch die verschiedentlich verlinkten Lieder Stimmungen wiedergeben.





Das Problem fehlender oder, vorsichtig ausgedrückt, etwas „schwieriger“ Literatur ist auch keine in den letzten 100 Jahren entstandene Folge des „Zahnes der Zeit“, sondern wurde bereits 1778 von Schreber3 thematisiert, der sich mit dieser klaffenden Lücke zwischen klassischer antiker Literatur und den Druckwerken der Neuzeit konfrontiert sah (Zitat):
„Noch vergeblicher würde es ſeyn, die Hunderaſſen, welche bey ältern Schriftſtellern nahmhaft gemacht werden, mit den unſrigen vergleichen zu wollen. Ich läugne nicht, daß einige von dieſen ſchon in dem Alterthume ihren Urſprung genommen haben; vielmehr finden ſich hiervon hin und wieder Spuren. Daraus würde man aber nicht richtig ſchlieſſen, daß die Raſſen der Alten noch unter den izigen alle, oder doch meiftentheils, anzutreffen wären. Zu geſchweigen, daß von jenen zu wenig Nachrichten mehr übrig ſind; und alle Kenntniſſe, welche man davon haben kan, aus alten Statüen und Gemählden genommen werden müſſen, die ſich aber zum Unglücke nicht immer mit den ſchriftlichen Denkmalen vergleichen laſſen.“
Entscheidend verantwortlich für das fast vollständige Fehlen schriftlicher Überlieferungen ist die Tatsache, dass infolge schwerster Naturkatastrophen (Marcellusflut, Magdalenenhochwasser, kleine Eiszeit), Hungersnöte, Krankheitsepidemien und -pandemien (Malaria, Pest, Pocken, Lepra, Tuberkulose, Cholera etc.), teilweise aufgrund vielfältiger politischer und sozialer Verwerfungen wie Völkerwanderungen, zahlreiche teils lang andauernde Kriege (Terra X: Dokumentation zum Dreißigjährigen Krieg, sehr empfehlenswert: Kriegsreisende), in dem Armut und Hunger der Menschen sogar bis zum Kannibalismus führte, immer wiederkehrende schwere Bauernaufstände (Thomas Müntzer, Veit Stoßperg – „Die Glocken stürmten vom Bernwardsturm„; Florian Geyer – „Wir sind des Geyers schwarzer Haufen!„) der überwiegende Teil der bis dahin vorhandenen Literatur verloren gegangen und der Bildungsgrad in der Bevölkerung drastisch zurückgegangen war.
Der größte Teil der Bevölkerung war weder des Schreibens, noch des Lesens kundig. Lediglich einem kleinen Teil der höheren Aristokratie und dem Klerus war dieses Privileg vorbehalten und dessen Schriftsprache war Latein und somit der Bevölkerung ebenfalls unzugänglich. Daher ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Belange, Nöte und Interessen der ärmeren und zum großen Teil auch unfreien (!) Bevölkerung entweder überhaupt nicht oder allenfalls indirekt dokumentarisch überliefert sind, wobei die indirekte, beispielsweise bildliche Überlieferung schwerpunktmäßig die Sichtweise und Bewertung der Lebensumstände durch den jeweiligen Überlieferer widerspiegeln und nicht den tatsächlichen Bedingungen entsprechen müssen. (Die Darstellungen des Hundes in der Kunst sind sehr vielfältig – weitere interessante Einblicke finden sich auch hier.)
So diente die bildliche Darstellung von Hunden (teilweise auch anderer Tiere) gerade während des Mittelalters und Hochmittelalters oft der Versinnbildlichung sittlichen/moralischen Verfalls und verabscheuungswürdiger Sündhaftigkeit, wie beispielsweise Trunksucht, Völlerei, unkeuschen Verhaltens, Fressen von menschlichen und tierischen Kadavern, Exkrementen und Erbrochenem oder auch Fehlverhaltens gegenüber der gesellschaftlichen Ordnung (Aufstände) wie die nebenstehenden und folgenden Abbildungen gut belegen.
Man war sich halt selbst der Nächste und so legten im Mittelalter die Adeligen besonderen Wert darauf, dass „ihr“ Wildbret ihnen erhalten blieb und nicht auf den Tischen der ärmeren Untertanen landete, zumal die Jagd für Adel und auch Klerus zu den bevorzugten Freizeitaktivitäten gehörte. Das strenge Verbot der Jagd für die normale Bevölkerung lässt sich am ehesten aus Niederschriften rechtlicher Auseinandersetzungen z. B. zur sog. „Hundelege“, „Hutung“ oder „Waldweide“, „Haingeraide“, „Bannforst“, „Bannwald“4 etc. nachvollziehen. Dabei wurden die Bauern verpflichtet, die Jagdhunde ihres Herrn auf ihrem Hof aufzuziehen und zu ernähren – häufig auf eigene Kosten.5


Für Aristokratie und Klerus standen also – wenn überhaupt – allenfalls Jagdhunde im Zentrum des Interesses.
Die eigenen natürlich. Allen Anderen wurde das Existenzrecht mehr oder weniger abgesprochen.
Keine Zeit für Warmduscher!

Eine nicht ganz unbeträchtliche Rolle spielte die Haltung der Kirche, die ihren Vertretern, die sich überwiegend aus der Aristokratie rekrutierten, die Hundehaltung strikt verboten hatte (außer im Rahmen der Hundelege in Klöstern beispielsweise), weil die Haltung von Jagdhunden seitens des Klerus selbstverständlich dessen Hinwendung zu „weltlichen Gelüsten“ wie der Jagd (deren Ergebnisse im Anschluss auch aufgegessen werden „mussten“) nur allzu gut verdeutlichte und das war natürlich nicht unbedingt die beste Publicity!6 Darüber hinaus lehnte die Kirche das moralisch verwerfliche Betragen der Hunde als „unrein“ ab und vertrat die Auffassung, dass diese den armen Menschen die ohnehin wenigen Lebensmittel wegfräßen, was dem christlichen Gedanken zuwiderlaufe.7, 8, 9, 10 Die Frage, auf wessen Kosten man selbst eigentlich lebte, stellte sich wohl eher nicht.

[Quelle: Bibliotheca Salemitana digital]
In einer Handschrift des Salemer Abtsbreviers von 1494-1495 findet sich die Darstellung einer Bootsfahrt des Abtes Johannes Stantenat mit Mönchen und Musikern des Klosters Salem auf dem Killenweiher bei Salem (Bodensee). Vor ihm sitzt ein Zisterziensermönch in weißer Kutte, dem offensichtlich übel ist. Hinter dem Baldachin ist noch eine Person, die eine Weinflasche im Seewasser kühlt. Der dort mitgeführte und bereits eindeutig als Spitz zu identifizierende Hund sollte vermutlich die Frivolität des dargestellten Unterfangens betonen, zumal zu genau diesem Zeitpunkt die Auseinandersetzungen zwischen dem Haus Habsburg und den Schweizer Eidgenossen gerade im Bereich um den Bodensee immer weiter hochkochten, da diese die Beschlüsse Maximilians I. einer Reichsreform auf dem Wormser Reichstag nicht anerkannten, was schließlich zum Schwabenkrieg eskalierte (auch: Historisches Lexikon der Schweiz). Berücksichtigt man, dass nicht nur auf weltlicher, sondern auch auf klerikaler Ebene (wobei man beides zu diesem Zeitpunkt keineswegs vollständig trennen konnte), kriegerische Auseinandersetzungen an der Tagesordnung waren, denn erst zu Beginn des Jahrhunderts war auf dem Konstanzer Konzil das große Abendländische Schisma beendet worden und gleichzeitig hatten bereits die Inquisition (Wikipedia; Terra X: Die Geschichte der Inquisition; Planet Wissen: Mittelalter / Inquisition) und erste Reformistische Bewegungen, z. B. durch Jan Hus (Hussitenkriege) ihre blutigen Schatten vorausgeworfen, so ist sogar nachvollziehbar, dass solch eine wein-selige Spazierfahrt von Mönchen und Musikern von manchem Zeitgenossen als unpassend oder gar anstößig empfunden worden sein mag. Und genau das verdeutlichte man zur damaligen Zeit vorzugsweise durch die gleichzeitige Abbildung eines Tieres, meist eines Hundes, auf den Bildern.
Aus dem Kontext der aus den Reformbewegungen resultierenden Bauernkriege stammt auch die Zeichnung des Abtes Jacob Murer von der Plünderung des Klosters Weißensee bei Ravensburg (eine der Hochburgen der Bauernkriege), auf der Hunde die gleiche Rolle spielen (Weißenauer Chronik) und die von ihm kommentiert wird (Zitat):
„Nota, wie die Bauern ein ungeschicktes Wesen gehabt haben in dem Gotteshaus mit Essen und Trinken, voll sein, einander schlagen, Türen zerschlagen der Küche und der Bäckerei, da zu nehmen, was ihnen gefiel, mit Fischen, führen und tragen aus dem Kloster Frauen und Männer, Wein und Brot.“

Federzeichnung des Abtes Jacob Murer, um 1525 (links unten auch ein spitzartiger Hund)

Rechts im Vordergrund wieder ein kackender Hund, wie wir ihn schon aus der Lilienfelder Stiftsbibliothek (Österreich) kennen.

In der Mitte dargestellt die Völlerei der aufständischen Bauern und darunter ein Hund, der Erbrochenes frisst.
(Ähnlich der Federzeichnung Murers, aber klarer zu erkennen)

Die Attribuierung zeigt sich hier deutlich auch in der Positionierung der Hunde im Bild!
Ein weiterer Aspekt, der nicht unbedingt zur Beliebtheit der Hunde bei der Kirche beitrug, war, dass sie (und noch stärker Katzen) mit allerlei Zaubereien in Verbindung gebracht wurden, wie noch wesentlich später bei Theodor Storm (1818 – 1888) im „Schimmelreiter“ nachzulesen ist.
Aus dieser Perspektive sind die Einstellungen Hildegard von Bingens (1098 – 1179), die, obwohl häufig mit dem Zitat „Gib dem Menschen einen Hund und seine Seele wird gesund.“ der Eindruck erweckt wird, sie sei eine erklärte Hundefreundin gewesen, tatsächlich der Hundehaltung ausgesprochen ambivalent gegenüberstand, aber auch die Haltung des Spitzes durch den Pfarrer Sebastian Kneipp (1821 – 1897) als regelrecht revolutionär einzustufen. Denn auch, wenn die ablehnende Sichtweise der Kirche zur Hundehaltung im Vergleich zum Mittelalter im Laufe der Zeit an Einfluss verloren hatte, setzte sie sich noch bis ins letzte Jahrhundert fort!
Nur vereinzelt finden sich z, B. auf dem Teppich von Bayeux, einer in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts entstandenen Stickerei (Abbildung – mit Lupe ansehen!), oder in sog. Bestiarien Bilder arbeitender Hunde.
Da aber Bauern selbstverständlich zu Recht einen Hund zur Bewachung des Hofes und als Hilfe beim Hüten des Viehs beanspruchten, wurde den jagdtauglichen Hunden in aller Regel ein Lauf gebrochen oder auch abgehackt. Alternativ wurden die Hunde gebüngelt, bzw. gebötelt. Das hieß, dass dem Hund ein 3 Finger dicker Knüppel an den Hals gebunden werden musste, der in der Länge der Größe des Hundes entsprechen musste.



kolorierter Kupferstich von Johann Christoph Weigel (1661 – 1726)
Zusätzlich wurden evtl. vorhandene Schlappohren be- oder abgeschnitten (Ursprung des heute zwar verbotenen, aber leider immer noch praktizierten Kupierens der Ohren bei manchen Hunderassen), so dass die Verwendung dieser Hunde zur Jagd immer eine hohe Verletzungsgefahr durch eingedrungene Fremdkörper für die Hunde darstellte (und man konnte in früheren Zeiten in einem solchen Fall ja nicht mal eben zum Tierarzt um die Ecke gehen)11.
Vielfach gingen die Lehnsherren auch dazu über, den kleineren Bauern und Köttern einen Deutschen Spitz zu schenken, weil dieser eben nicht jagte. Und so war der Spitz ein typischer „Bauernköter“12 und „Arme-Leute-Hund“, dessen Besitzer ums Überleben kämpfen mussten und weder die Möglichkeit, noch die Muße hatten, Lesen und Schreiben zu lernen, geschweige denn mit ihrem Hund einem Maler Modell zu stehen.
Wer also hätte über den Spitz schreiben oder ihn malen sollen?

Vorwiegend zum ausgehenden Mittelalter, bzw. der Renaissance, setzt, bedingt durch die Reformationsbewegungen, ein auffallender Umschwung ein und der Hund wird nun zunehmend abgebildet, um Bedeutung, Macht/Stärke bzw. Durchsetzungsvermögen dargestellter Personen zu unterstreichen, indem er beispielsweise zu Füßen eines Feudalherren oder eines Richters sitzt oder liegt.
Bemerkenswerterweise findet man in genau diesem Zusammenhang zwar nicht ausschließlich, aber doch vermehrt Abbildungen des Spitzes – in den allermeisten Fällen mit Löwenschur.

Lucas Cranach der Ältere (1472–1553)

Holzschnitt von Peter Flötner (ca. 1485/1490 – 1546)

Im Vordergrund ein geschorener sog. Löwenspitz
All das mag aber verdeutlichen, dass und in welchem Maße sowohl Beschreibungen als auch Abbildungen von Hunden aus diesem Zeitraum immer mit Vorbehalt gesehen werden müssen!
Insgesamt nehmen Beschreibungen und Umgang mit der Tollwut einen großen Raum der vorliegenden Überlieferungen ein. Sie war – zu Recht – eine sehr gefürchtete Krankheit, die ja vorwiegend durch streunende Hunde übertragen wurde.
Als Hundswuth, Tollheit, Lyssa oder auch St.-Hubertus-Krankheit war die Tollwut bereits seit Columella, Plinius und Aristoteles bekannt und gefürchtet und es lässt sich kaum ein Buch finden, in dem nicht ausführlich darauf eingegangen und davor gewarnt wird. Dabei werden teilweise auch Hinweise gegeben, wie die Krankheit beim Hund, bzw. nach einem Hundebiss beim Menschen zu erkennen sei und was man dagegen unternehmen könne..14 & 15
Eine Vorstellung war, die Rute des Hundes zu kupieren, wenn er vierzig Tage alt war. Nach Columella gibt es eine Sehne, die durch das Rückgrat bis zum äußersten Ende des Schwanzes zieht. Diese soll man mit ganzer Kraft fassen, sie herausziehen und abreißen16. Dies war der Ursprung des noch bis in jüngste Zeit praktizierten Kupierens der Rute bei manchen Hunderassen!
Nachdem von Carl von Linné17, später dann auch von anderen Naturkundlern, als Ursache dieser Krankheit der Befall des Hundes mit einem sog. Tollwurm beschrieben wurde, empfahl man zunächst, den Hunden diesen aus dem Maul herauszuschneiden bzw. zu reißen. Dabei wurde den Hunden eine Verdickung an der Unterseite der Zunge, die Lyssa (Abbildung) , herausgeschnitten. Später gab es teilweise rechtliche Anordnungen, die Hunde zum Schneiden des Tollwurmes vorzuführen. Allerdings finden sich auch immer wieder Berichte und Abhandlungen darüber, dass es trotz dieser Behandlung zu Ansteckungen gekommen sei.18 & 19
Das Schneiden des Tollwurms, ebenso wie das Kupieren von Ruten und Ohren, wohlgemerkt natürlich nicht in Narkose, wie wir es von heutigen Tierbehandlungen kennen, war eine für die Hunde sehr grausame Verstümmelung, die sich – leider – noch sehr sehr lange erhalten hat.
Aufgrund der Berichte über die mangelnde Effektivität solcher Maßnahmen erklärt schließlich 1804 der preußische König Friedrich Wilhelm II. (der spätere Kaiser Wilhelm) mit seinem Edict wegen des Tollwerdens der Hunde die Verordnung vom 20. Februar 1767, mit der das Schneiden des Tollwurmes vorgeschrieben wurde, für ungültig und ordnet stattdessen das Töten tollwütiger Hunde an.

aus: Autengruber-Thüry, Heidelinde, 2021, S. 256

aus: Autengruber-Thüry, Heidelinde, 2021, S. 257

Für den Spitz war die Angst vor der Tollwut Fluch und Segen zugleich:
- Fluch, weil er durch seine ausgeprägte Wachsamkeit und sein leicht aufbrausendes Wesen natürlich häufig unter Verdacht geriet, tollwütig zu sein. Davon zeugen unzählige entsprechende Obduktionsberichte aus früheren Zeiten (hier jetzt mal ausnahmsweise nicht verlinkt – für „schwache Gemüter“ denkbar ungeeignet!)
- Segen, weil er wildernde Hunde und anderes Raubzeug, das (außer ihm selbst) als Tollwut-Überträger in Betracht kam, von den Höfen fernhielt (Daher rührt die Tatsache, dass selbst unsere heutigen Spitze anderen Hunden gegenüber nicht unbedingt durch übertriebene Freundlichkeit auffallen!), sich selbst aber durch seine Hoftreue auszeichnete und darum bei den Bauern beliebt und von den Lehnsherren ohne Verstümmelungen (Brechen oder Abhacken eines Laufes) o. Ä. (Böteln, Büngeln) geduldet wurde.
Kleine Anmerkung zu den Recherche-Arbeiten:
Wenn man diese ganze alte Literatur durcharbeitet auf der Suche nach dem „Spitz“, „Spitzhund“, „Pommer“ usw., ist man selbst im Kopf einfach sehr fixiert auf diese Begriffe. So sehr (mir zumindest ging es so), dass man zunächst gar nicht bemerkt, dass der Spitz sowohl vom Aussehen, als auch vom Charakter eigentlich überall beschrieben wird. Er heißt nur anders: Haushund. Oder: „Canis familiaris“, was man übrigens ebenso gut auch mit „Familienhund“ übersetzen könnte. Manchmal auch „Canis domesticus“ – wohl zur Unterscheidung von wildlebenden Caniden. Alle anderen Hunde werden besonders bezeichnet und beschrieben: Hund der Esquimaux (Eskimos), Sibirischer Hund, Ungarischer Hund usw. usf. Häufig werden die anderen Hunde auch beschrieben durch Vergleiche mit eben diesem „Haushund“: „ist größer/kleiner als der gemeine Haushund“, „hat kürzeres Fell als…“, wobei ja „gemein“ soviel bedeutet wie „allgemein verbreitet“.
Kommt man also auf die Idee, einfach mal „zwischen den Zeilen“ zu lesen, fällt einem plötzlich auf, dass genau dieser überall beschriebene Haushund offenbar der einzige und allen Leuten als solcher bekannte und geläufige Haushund war, den man zur damaligen Zeit kannte.
Das lässt eigentlich nur den einen Schluss zu: Der Spitz war, möglicherweise auch in verschiedenen, voneinander geringfügig abweichenden Varietäten, in praktisch ganz Westeuropa allgegenwärtig und der Inbegriff des Haushundes überhaupt!

Der Kupferstich selbst ist zwar älter als die Erwähnung bei Krünitz, aber die Beschriftung wurde erst sehr viel später beim Abdruck durch Engelbrecht Nfg. hinzugefügt!
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4. Der Spitz am Übergang zur Moderne – Immer ein Ass im Ärmel!!
Bibliografie
Die Angaben mit vorangestellter Jahreszahl beziehen sich auf wissenschaftliche Publikationen, die mit vorangestelltem Namen des Autors/der Autoren/Herausgebers auf Bücher und sind unter dem jeweiligen Link zu finden. (Sofern sie nicht ausschließlich käuflich zu erwerben sind!)
Diese und weitere Literatur finden Sie unter: Deutscher Spitz – Info-Zentrum
- von Megenberg, Konrad, um 1300, Das Buch der Natur, Tiere ↩︎
- Gessner, D. Cunrad, 1583, Thierbuch ↩︎
- Schreber, Johann Christian Daniel, Die Säugthiere in Abbildungen nach der Natur, mit Beschreibungen, Theil 3 (1778), S. 333 f. ↩︎
- z. B. Historisches Lexikon Bayerns: Wildbann und Forsthoheit ↩︎
- 2012 Marti-Grädel, Elisabeth, Archäozoologische Untersuchungen der Tierknochen aus der Burgstelle Altenberg, Kt. Basel-Landschaft (11. Jahrhundert) ↩︎
- 2010 Giese, Martina, Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens und seiner Zweige, Bd. 121 ↩︎
- 2022 van Eickels, Klaus und Christine (Hrsg.), Gebote – Verbote, Normen und ihr sozialer Sinn im Mittelalter ↩︎
- 2003 Julius, Harro, Landkirchen und Landklerus im Bistum Konz während des frühen und hohen Mittelalters ↩︎
- 2009 Klose, Dagmar, Ladewig, Marco (Hrsg.), Freiheit im Mittelalter am Beispiel der Stadt ↩︎
- 1994 Janotta, Edith, Der Hund im Mittelalter ↩︎
- Kaiser, Hermann, Ein Hundeleben: Von Bauernhunden und Karrenkötern, Materialien zur Volkskultur – nordwestliches Niedersachsen, Bd. 19, Museumsdorf Cloppenburg, Niedersächsisches Freilichtmuseum, PF 1344, D-49643 Cloppenburg 1993, ISBN 3-923675-35-6 ↩︎
- Der Begriff „Köter“ leitet sich ab vom Wort „Kötter„, der Bezeichnung für meist sehr ärmliche Bewohner kleiner Häuser oder Höfe (Katen oder Kothen) ↩︎
- Damhouder, Josse de [Jodocus], Ioannem Bellerum [Illustrationen], Pupillorum Patrocinium, Legum et Praxeos Studiosis, Non Minus, Antwerpen, 1564 ↩︎
- Fehr, Joseph, Etwas über die Hundswuth, 1789 ↩︎
- Wendt, Johann, Darstellung einer zweckmäßigen und durch die Erfahrung erprobten Methode zur Verhütung der Wasserscheu nach dem Bisse eines tollen Hundes, 1824 ↩︎
- Autengruber-Thüry, Heidelinde, Hunde in der römischen Antike. Rassen-Typen-Zucht-Haltung und Verwendung, Archäopress, 2021, ISBN 978-1-78969-836-7, S. 256 ↩︎
- von Linné, Ritter Carl, Vollständiges Natursystem : nach der zwölften lateinischen Ausgabe, und nach Anleitung des holländischen Houttuynischen Werks, Bd. 1, 1773 ↩︎
- Scherf, Joh. Christian Friedr., Archiv der medizinischen Polizei, sechster Band (1787), S. 47 – 97 ↩︎
- Rust, Johann Nep. & Casper, Johann Ludw., Kritisches Repertorium für die gesammte Heilkunde, Fünfzehnter Band (1827), S. 207 – 234 ↩︎
