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4.1. Wie der Spitz zu seinem Namen kam

Aus: Buffon, Georges Louis Le Clerc de, 1755
Falls Sie hier jetzt die allseits bekannte und beliebte Legende erwarten, dass die erste Erwähnung des Spitzes unter dieser Bezeichnung in den 1450 vom Grafen Eberhard von Sayn aufgestellten Hausregeln für seine Dienstboten zu finden wäre, dann glauben Sie wahrscheinlich auch, dass „Brüsseler Spitze“ eine flämische Varietät des Deutschen Spitzes sei . . .
Warum es sich dabei um ein weiteres, sehr beliebtes Märchen über den Spitz handelt, können Sie hier ausführlich nachlesen:
In der englischen Literatur findet sich in einem Reisebericht zum 2. November 17641 ein Hinweis auf den Begriff „Pommer“ für den Spitz.
Originaltext
Friday 2 November
The French traveller was Monsieur Bertollon, a merchant of fine stuffs at Lyons. He and I and my servant and a German woman got into an extra post for Mannheim. The Frenchman had a Pomeranian dog called Pomer whom he was mighty fond of. He was a singular Frenchman, a great lubberly dog with a head like a British tar. He sung most outrageously. He was jolly. The German Frow was oldish and very fat. When he sung, she was like to choke with laughing, and when she recovered her breath cried, „Er is ein lustiger Mensch.“ I do not remember to have met with a more ludicrous scene, for the Frenchman and the Frow mutually laughed at each other. I was highly diverted, though my headache still continued. It was a heavy cold. I was in a real fever. I was just transported like a sack.
Übersetzung
Freitag, 2. November
Der französische Reisende war Monsieur Bertollon, ein Feinwarenhändler in Lyon. Er, ich, mein Diener und eine deutsche Frau bekamen eine Sonderstelle für Mannheim. Der Franzose hatte einen Spitz namens Pomer, den er sehr mochte. Er war ein eigenartiger Franzose, ein großer, plumper Kerl mit einem Kopf wie ein britischer Matrose. Er sang höchst ungewöhnlich. Er war lustig. Die deutsche Frau war ältlich und sehr fett. Wenn er sang, erstickte sie fast vor Lachen, und als sie wieder zu Atem kam, rief sie: „Er ist ein lustiger Mensch.“ Ich kann mich nicht erinnern, jemals eine lächerlichere Szene erlebt zu haben, denn der Franzose und die Frau lachten sich gegenseitig aus. Ich war höchst amüsiert, obwohl meine Kopfschmerzen immer noch anhielten.
Das ist nicht als unwahrscheinlich zu betrachten, denn in der hiesigen Literatur tauchen diese Begriffe kurze Zeit später ebenfalls auf und es ist nicht davon auszugehen, dass sie von den Autoren erfunden wurden, sondern sie werden sie verwandt haben, weil sie innerhalb der Bevölkerung bereits verbreitet waren.
Die Wörter „spizza“, „spizze“, sowie das Verb „spizzen“ können rein sprachlich erstmalig im Althochdeutschen, einer ab dem 7. Jh. gesprochenen Gruppe eng verwandter westgermanischer Dialekte nach der sog. zweiten Lautverschiebung, im 9. Jahrhundert nachgewiesen2 werden und zeigen eine deutliche Verwandschaft des Wortstammes zum Begriff „Spiƺ“ (Spieß) auf. Ein Zusammenhang mit dem Hund wird zu diesem Zeitpunkt (noch) nicht hergestellt.
Die früheste Bezeichnung des Hundes als „Spitz“ oder „Pommer“ in der deutschen Literatur finde ich nach wie vor bislang bei Krünitz:
Auszug aus: Oekonomische Encyklopädie, J.G. Krünitz (erschienen: 1773-1858)
sowie etwas später dann bei Schreber3

(Im Gegensatz zu den im Ausland häufig geäußerten Vermutungen über begriffliche Herleitungen oder Zusammenhänge mit „Bergspitzen“ hat er mit diesen also nicht das Mindeste zu tun!)
Was aber hat nun unser Hund mit einem „Spieß“ zu tun?
Für die Verknüpfung der Bezeichnung „Spitz“ mit unserem Hund kommen zwei Möglichkeiten in Betracht, die zeitlich beide in den Bereich des ausgehenden Mittelalters fallen, bzw. am Übergang zur Moderne anzusiedeln sind:
1. der Vergleich mit dem Spießbürger
Der Spieß, also eine Holzstange, die meist mit einer metallenen Spitze versehen wurde, war eine leicht und preiswert herzustellende, aber hochwirksame Waffe, mit der die ärmeren Bürger sich – als Fußvolk – zur Verteidigung ihrer Stadt bewaffneten. Sie bildeten eine Klasse von niedrigem gesellschaftlichen Status, die sich durch diesen Waffendienst um ihre Stadt verdient machen und dadurch die eigentlichen Bürgerrechte erwerben konnten. Man bezeichnete sie als „Spießbürger“. Im Gegensatz zur heutigen Verwendung dieser Bezeichnung war dieser Begriff während des ausgehenden Mittelalters ursprünglich nicht negativ belegt. Die abwertende Bedeutung hat sich erst später in Anlehnung an den geringen Status ihrer Inhaber entwickelt. [Zentrum für digitale Lexikographie der deutschen Sprache]
Es ist denkbar, dass der Hund seinen Namen erhielt, weil auch er als Hund eben einen geringen Status hatte, schon immer für seine besondere Wehrhaftigkeit bekannt war und sich erst durch Verteidigung seines Heimes verdient machen musste.
2. der Vergleich mit dem Spießgesellen
Schon im 16. Jh. bezeichnete man mit dem Spieß kämpfende Waffengefährten (meist angeworbene Bauern) ohne militärische Ausbildung als „Spießgesellen“ und bereits im 17. Jh. wurde der Begriff abwertend benutzt für bewaffnete marodierende (also meist räuberische) Banden, die aber teilweise einen sehr engen Zusammenhalt hatten – Leute, mit denen man „Pferde stehlen“ konnte. [Wikipedia]
Auch die Herleitung von diesem Begriff mit Bezug auf die ganz besonders enge Bindung des Spitzes an „seinen“ Menschen ist denkbar.
Da es sich aber nun nicht um einen Menschen, sondern um einen Hund handelte und man ihn daher schlecht als Bürger oder Gesellen bezeichnen konnte, war er also der Spießhund, bzw. Spiꜩhund oder kurz Spiꜩ. Eine schriftsprachliche Unterscheidung zwischen kurz und lang gesprochenem „i“, sowie zwischen „s“, „ss“, „ß“, „sƺ“ (= „sz“), „ƺ“ (= „z“) und „ꜩ“ (= „tz“) gab es üblicherweise zu diesem Zeitpunkt noch nicht, sondern all diese Schreibweisen wurden synomyn verwandt. Dabei entstand später in Verbindung mit einem lang gesprochenen Vokal aus dem „ꜩ“ in der Regel das nach wie vor optisch sehr ähnliche „ß“, in Verbindung mit einem kurz gesprochenen Vokal das „tz“, sodass im einen Fall aus dem “Spiƺ” oder “Spiꜩ” ein „Spieß“ wurde und im anderen der „Spitz“.
Während sich also die Bezeichnung „Pomer“ oder „Pommer“ (auch hier unterschied man nicht zwischen der Schreibweise mit einem oder zwei „m“) von einem der Verbreitungsgebiete ableitet, kommt für die Bezeichnung „Spitz“ aus etymologischer Sicht nur die vergleichende Herleitung vom „Spießbürger“ oder „Spießgesellen“ in Betracht.
Allerdings liefern Ethymologie, Genealogie und Geschichte noch weitere interessante Gesichtspunkte. So kann man teilweise einen Entstehungszeitraum oder auch -zusammenhang ableiten. Dabei muss man zwischen Personen-Namen, Flur- und Ortsnamen insbesondere qualitativ unterscheiden. Personennamen weisen eine höhere Kontinuität auf und blieben erhalten, auch wenn der ursprüngliche Bedeutungszusammenhang keine Rolle mehr spielte. Auf der anderen Seite gingen Personennamen aber im Rahmen von Eheschließungen unter. Die urkundliche Erfassung von Personennamen unterlag dabei anderen Gesetzmäßigkeiten als die der Flur- und Ortsnamen. Sie wurden meist in Kirchenbüchern bei der Personenstandserfassung hinterlegt, also bei Eheschließung, Geburt, Tod, Zu- und Abwanderung. Flur- und Ortsnamen spielten dagegen vorwiegend im Rahmen weltlicher Zusammenhänge/Gerichtsbarkeit eine Rolle, also bei der Bewirtschaftung, Abgaben usw. und betrafen hauptsächlich Besitz- und Erbrecht. Entsprechend konnte sich die Bezeichnung bei Nutzungsänderungen, Flurbereinigung etc. auch leichter mal ändern. Erfasst wurden Flur- und Ortsnamen vorwiegend auf weltlicher Ebene von Gemeinde-, Orts- und Stadtverwaltungen, bzw. auf hoheitlicher Ebene.
Wer sich näher damit beschäftigen möchte (kann ja auch für den eigenen Namen ganz interessant sein), findet gute Anleitungen dazu auf der Lernplattform Ad fontes der Universität Zürich – speziell zur Namensforschung geht es hier. Allerdings bezieht sich die Lernplattform dabei z. T. auf schweizerische Vorgaben, ist also als Matrix einzuordnen.
Für unsere Zwecke sinnvoll ist im Prinzip am ehesten eine Auswertung von Familiennamen und diese auch vordringlich hinsichtlich des Zeitraumes ihrer Entstehung und – bedingt – der Verbreitung, sofern sie mit der Entstehung oder Verbreitung der Bezeichnung unseres Hundes in Zusammenhang stehen könnte. Die Betonung liegt dabei auf „könnte“, denn auch gleiche Bezeichnungen müssen keineswegs den gleichen Ursprung haben!
Exemplarisch habe ich einmal den Großspitz herausgegriffen.
Den „Großspitz“ , auch in anderer Schreibweise, findet man als Familiennamen, den ich aus verschiedenen Genealogie-Datenbanken abgerufen habe. Relativ verbreitet findet man diesen Namen in der Schreibweise „Grospitz„.
Alle Informationen und Karten wurden abgerufen am 21.06.2026. Da all diese Datenbanken sehr dynamisch sind. können die Ergebnisse zu späteren Zeitpunkten also erheblich abweichen! Weitergehende und aktuelle Informationen können in unterschiedlichem Ausmaß unter den angegebenen Links abgerufen werden.
Bei Ancestry, einer internationalen Datenbank für Genealogy finden sich insgesamt 382.502 Ergebnisse für die Suche in den Familienstammbäumen.
Dabei können 1.000 Aufzeichnungen zu Geburten, Einwanderungslisten, Volkszählungen etc. abgerufen werden.

Bei Forebears ist der Name „Grospitz“ (in dieser Schreibvariante) der 1.333.288-häufigste Nachname und findet sich insgesamt 168 mal, davon am häufigsten und mit der größten Dichte in Deutschland.
Darüber hinaus listet Forebears aber noch andere Schreibweisen dieses Namens auf, insgesamt also 456 gelistete Namen. Von diesem Link aus können Verbreitungskarten und Informationen zur jeweiligen Schreibweise des Namens abgerufen werden.
Und sicherlich kann man diese Schreibweisen auch in die anderen Genealogie-Datenbanken eingeben und abfragen.
Exemplarisch hier die Karte zur internationalen geografischen Verbreitung des Familiennamens Grospitz.


Geneanet bietet eine Karte zur Verbreitung dieses Familiennamens in Europa und schlüsselt sie hinsichtlich der Häufigkeit mit sehr konkreten Angaben weiter auf.
Man kann auf dieser Seite andere Namen heraussuchen lassen (z. B. entsprechend der bei Forebears gefundenen weiteren Schreibweisen).


Genealogy bietet gleich zwei Karten zu unterschiedlichen Zeiträumen an, sowohl zu 1996, als auch zu 1890, die man in der Karte anklicken kann.
Deutliche Schwerpunkte sind in der Übersicht von 1996 in Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg, Niederösterreich und Budapest zu erkennen. Im Vergleich zu anderen Karten fällt hier allerdings auch ein Schwerpunkt im Rheinland ins Auge!


Nun sind Familiennamen natürlich nicht zwangsläufig gleichzusetzen mit der Bezeichnung für einen Hund. Dennoch können sie Anhaltspunkte zur Entstehungsgeschichte liefern, weil anzunehmen ist, dass der Zeitraum der Entstehung mehr oder weniger identisch ist.
Im deutschsprachigen Raum entwickelten sich die Familiennamen schwerpunktmäßig zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert und damit deutlich früher als der Begriff bei Krünitz auftaucht. Allerdings verlief diese Entwicklung nicht überall einheitlich, sondern in ländlichen Gegenden kam man bis ins 17., tw. auch 18. Jh. durchaus vereinzelt ohne Nachnamen aus. In Friesland wurde diese Regelung erst im 19. Jh. verbindlich eingeführt.
Dabei gab es die unterschiedlichsten Gründe oder Zusammenhänge, die zur Bildung des Namens führten, nach Festlegung des Familennamens allerdings keineswegs den Trägern erhalten geblieben sein müssen [Quelle: Wikipedia].
Für den Namen „Grospitz“ kommen dafür in Betracht:
- Spießbürger, die selbst sehr groß waren
- Spießbürger, die einen besonders großen Spieß besaßen, aber auch
- die Übernahme eines Tiernamens, weil der Träger des Namens eine dem Tier zugeordnete Eigenschaft in besonderer Weise aufwies (z. B. „Fuchs“ für dessen sprichwörtliche Schläue oder auch eine rötliche Haarfarbe) oder er beruflich mehr oder weniger viel mit dem entsprechenden Tier zu tun hatte.
Was wir bei Krünitz oder Schreber finden, markiert also lediglich den ersten literarisch (!) nachweisbaren Eckpfeiler zur zeitlichen Entstehung des Hundenamens, dem eine aus anderen Quellen nachvollziehbare jahrhundertelange Entwicklung vorausging.
Fast ein Jahrhundert nach Schreber finden wir den Spitz, bzw. Pommer dann ausführlich beschrieben bei Fitzinger4.


Man beachte die Farben!
Ab Seite 111 listet Fitzinger neben, oder, besser gesagt, zwischen etlichen anderen Hunderassen, explizit als Spitz, bzw. Pommer auf:
- den Pommer (Canis domesticus, pomeranus),
- den Spitz (Canis domesticus, pomeranus audax), [Anm.: audax = lat. mutig]
sowie als Bastarde
- den Fuchs-Spitz (Canis domesticus, pomeranus alopecurus), [Anm.: pomeranus alopecurus = lat. pommerscher Schafhirte]
- den Seiden-Spitz (Canis domesticus, pomeranus sericeus), [Anm.: pomeranus sericeus = lat. seidiger Pommer]
- den Heiden-Spitz (Canis domesticus, Zingarorum audax), [Anm.: Zingarorum audax = lat. mutiger Zigeuner]
- den Zigeuner-Spitz (Canis domesticus, Zingarorum pomeranus), [Anm.: Zingarorum pomeranus = lat. pommerscher Zigeuner]
- den Windhund-Spitz (Canis domesticus, Zingarorum leporarius), [Anm.: Zingarorum leporarius = lat. anmutiger Zigeuner]
- den Dachs-Spitz (Canis domesticus, Zingarorum vertagus), [Anm.: Zingarorum vertagus = lat. wechselhafter Zigeuner], sowie
- den Doggen-Spitz (Canis domesticus, Zingarorum laniarius), [Anm.: Zingarorum laniarius = lat. wolliger Zigeuner].
Als interessant im Zusammenhang mit dem Heidenspitz (auch bei der Schreibweise „ei“ und „ai“ wurde ja nicht unterschieden!) erweisen sich die Zeichnungen von Magnus Brasch in seinem 1789 erschienenen Werk „Vier und zwanzig Abbildungen verschiedener Hunde nach dem Leben gezeichnet – Der Haidhund“5. Siehe nebenstehende Abbildung!
Und weil es so schön ist: zum Vergleich noch gleich das englische Gemälde eines Pomeranians aus dem frühen 19. Jh. dazu . . .
Fitzinger beginnt im Anschluss an seine obige Auflistung mit der Beschreibung des „Hirten-Haushundes“ (Canis domesticus, ovilis) [Anm.: ovilus= lat. Schaf], der seiner Ansicht nach als typische Form der ganzen Gruppe anzusehen ist und eine reine unvermischte Abänderung des Haushundes (Canis domesticus) darstellt, die auf Einflüssen des Klimas und geographischer Verbreitung der Art beruhen.


Und auch hier drängen sich Vergleiche mit den Zeichnungen Braschs wieder regelrecht auf:



Nun kann man natürlich Fitzingers Auflistung und Differenzierung, sowie auch die Zeichnungen Braschs als altertümlich absurd und weit hergeholt betrachten und belächeln . . .
Aber:
Vergegenwärtigt man sich noch einmal die Entwicklungen während der Eisen- und Völkerwanderungszeit – und die sind ja ausnahmslos gut belegt/belegbar – dann lag Fitzinger, vielleicht nicht unbedingt immer im einzelnen Detail, aber in seinen Grundannahmen definitiv vollkommen richtig.
Auch, wenn seine Schlüsse ausschließlich auf seinen Beobachtungen zur Morphologie der einzelenen Hunderassen beruhen und er sie daher schlecht belegen konnte – seine Annahmen werden durch die moderne molekulargenetische Archäozoologie bestätigt!
Diese ging zunächst von einem europäischen Ursprung der Domestikation des Hundes aus6, konnte später einen weiteren, südostasiatischen Ursprungsort identifizieren7 und kann inzwischen mindestens zwei Ausgangspunkte der Domestikation nachweisen8, wobei die beiden letzten Studien Migrationsbewegungen vom ostasiatischen Raum Richtung Westen belegen, sowie die Arbeit von Joris Peters im Zusammenhang mit den eisenzeitlichen Entwicklungen bestätigen.
Die weitaus engeren verwandschaftlichen Beziehungen zwischen modernen Europäischen Hunden allgemein und osteuropäischen, bzw. zentralasiatischen Steppenhundpopulationen im Vergleich zum eher weitläufigen Verwandschaftsgrad zu mediterranen Hundegruppen konnte nachgewiesen werden (Bergström, 20209) und Bergström verweist explizit den
- Schwedischen Lapphund,
- Norwegischen Elchhund,
- Jämthund und
- Großspitz
sibirisch geprägter Abstammung zu!
Und nicht nur Bergström weist die allgemein engere Verwandtschaft nach, sondern aus den Untersuchungen von Dutrow, Serpell & Ostrander, 202210 geht dieser Kontext für Herkunft und Verhalten explizit für die Spitze/spitzartigen Hunde hervor, wie aus den folgenden Abbildungen ersichtlich ist:


Und damit erscheinen Fitzingers Ausführungen zum Pommer, den neun verschiedenen Arten von Spitzen, ebenso wie auch die anderen von ihm beschriebenen Hunde, insbesondere aber deren Differenzierung als Ergebnis einer klimatischen Anpassung im Zusammenhang mit ihrer geographischen Ausbreitung gleich in einem völlig neuen, erstaunlich glaubwürdigeren Licht.
Der Zusammenhang mit dem Melitäer versinkt zumindest, was die großen Spitze anlangt, praktisch in der Schublade. Allenfalls kann hier noch ein Einfluss auf die in der Größe entsprechenden Klein-, bzw. Zwergspitze gesehen werden, da die Melitäer als Schoßhunde besonders in städtischen Ansiedlungen als Import nachgewiesen sind. Vor allem aber ist ihr Einfluss, bzw. der Einfluss des Volpinos, der wohl als Nachfahre des Melitäers angesehen werden kann, auf die Entstehung der Pomeranians zur viktorianischen Zeit unumstritten.
Bezüglich der großen Spitze, und damit meine ich keineswegs nur die heutigen Großspitze, sondern in gleichem Maße die heutigen Mittelspitze, die, obwohl sie von der Vereinszucht unsinnigerweise in eine enge Beziehung zu den Kleinspitzen gesetzt wurden, entwicklungsgeschichtlich mit den heutigen Großspitzen in eine gemeinsame Gruppe gehören, sollte man m. E. das Augenmerk viel mehr auch auf den Balkan richten – da könnte durchaus von der Primitive and Aboriginal Dogs Society [PADS] noch Einiges kommen) – wobei sicherlich abzuwarten bleibt, was die derzeitige Politik und Kriegsführung Russlands davon noch übrig lässt, denn sehr viele der engagiertesten Wissenschaftler dieser Organisation waren/sind aus Russland . . .
Und wenn wir uns nun dem Herrn Fitzinger noch einmal zuwenden, würde ich mal sagen, da können wir uns dann alle das Passende heraussuchen . . .
😉
Denn so ein ganz ganz kleines Bisschen frage ich mich natürlich, was wohl unsere ganzen Netzwerk-Experten für „Rassereinheits-Zertifikate beim Spitz“ und „Alte Linien“ dazu meinen:
- Sind nun weiße Groß- und Mittelspitze Fuchsspitze, also pommersche Schafhirten oder Heidenspitze?
- Ist der Wolfsspitz möglicherweise ein Doggenspitz, also wolliger Zigeuner – oder eher ein Dachsspitz, bzw. wechselhafter Zigeuner?
- Ist vielleicht der schwarze Großspitz ein Haus- oder Hirtenhund oder evtl. ein anmutiger Windhundspitz?
- Ab wann ist er ein „Deutscher Spitz“ – und ab wann eine „Alte Linie“?
- Wie reinrassig sind denn unsere Spitze? Nach Fitzinger, der ja durch den Stand der neuesten Forschung bestätigt wird, wären sie allesamt Bastarde, die sich einfach nur an spezielle Umweltverhältnisse angepasst haben!
- Und an welchen (objektiven!!!) Kriterien wollen wir das unter diesen Umständen denn festmachen?
An Rassereinheitszertifikaten? An Stammbäumen?
Das wird ein wenig schwierig, denn zur Erstellung von Rassereinheitszertifikaten benötigt man Referenzwerte und die unterscheiden sich in Abhängigkeit der im Einflussbereich des jeweilgen Labors vorkommenden Hunderassen, die (was viele dieser „Experten“ offenbar nicht wissen oder verdrängen?) z. T. signifikant unterschiedliche Genome aufweisen11.
Mit den Stammbäumen wird es auch kritisch, denn sie werden zumindest hier in Deutschland bei den Spitzen von keinem einzigen Verein überprüft und nachweislich liegt da so Manches im Argen. Speziell die seit Beginn der Vereinszucht ständig am Aussterben „vorbeikratzende“ Gruppe der Deutschen Großspitze wurde aus genau diesem Grunde – dummerweise heimlich (!) – permanent durch Einkreuzen anderer Hunde „aufgehübscht“ (was man allerdings ausländischen Züchtern, die das ganz offiziell machen, dann gern vorgeworfen hat und immer noch vorwirft). Somit können auch die Genome dieser Tiere, abgesehen von der Fragwürdigkeit ihrer Ahnentafeln, logischerweise keine Referenzwerte liefern! Oder wird da vielleicht ein Verwandtschafts-Gutachten mit den Federmesser-Hunden aus Bonn-Oberkassel angedacht? (Das könnte teuer werden! Wenn man das dann auf den Welpenpreis schlägt . . .)
Und da wird’s dann mal eng mit den „Alten Linien“ und „Rassereinheits-Zertifikaten“.
Das Problem?
. . . ist, dass es im Grunde gar keines ist, sondern lediglich durch tradierte und übertriebene Vorstellungen zu Rassereinheit, sowie mangelndes Wissen zu einem gemacht wird. Denn genau durch sach- und fachkundige Kreuzungszucht funktioniert gesunde Zucht und hat auf diesem Wege unsere heutigen Rassen überhaupt erst hervorgebracht. Jeder vernünftige Kynologe warnt – zurecht – seit Jahr und Tag vor Zucht in kleinen isolierten Populationen, die durch genau solche unsinnigen Selektierereien noch verschärft wird! Und darum erfordert Zucht (!) eine Menge Sachkenntnisse und Sachverstand, insbesondere über Wesens- und Charaktereigenschaften einer Hunderasse, und nicht nur die Fähigkeit, gut gucken zu können und/oder ohne jedes Hintergrundwissen mit Hinweis auf das Recht auf eine eigene Meinung per Mehrheitsentscheidung („Demokratie ist, wenn zwei Wölfe und ein Schaf darüber abstimmen, was es zum Abendessen gibt!“) unsinnige Zuchtziele zu generieren!
Aber dazu mal mehr unter der Rubrik „Zucht“ – hier ist es lediglich erwähnt, weil man aus Geschichte eben lernen kann. Wenn man es denn will. Weitere Ausführungen wären Off-Topic.
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Bibliografie
Die Angaben mit vorangestellter Jahreszahl beziehen sich auf wissenschaftliche Publikationen, die mit vorangestelltem Namen des Autors/der Autoren/Herausgebers auf Bücher und sind unter dem jeweiligen Link zu finden. (Sofern sie nicht ausschließlich käuflich zu erwerben sind!)
Diese und weitere Literatur finden Sie unter: Deutscher Spitz – Info-Zentrum
- Boswell, James (1764). by Pottle, Frederick A. (Ed,). Boswell on the Grand Tour:Germany and Switzerland (1st ed.). McGraw-Hill, S. 165 ↩︎
- Pfeifer, Wolfgang, Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, 2. Aufl., Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1993, ISBN 3-423-03358-4 ↩︎
- Schreber, Johann Christian Daniel, Die Säugthiere in Abbildungen nach der Natur, mit Beschreibungen, Theil 3, 1778, S. 319 ↩︎
- Fitzinger, Dr. Leopold Joseph, Der Hund und seine Raçen, 1876 ↩︎
- Brasch, Magnus, Vier und zwanzig Abbildungen verschiedener Hunde nach dem Leben gezeichnet, 1789 ↩︎
- 2013 Thalmann, O. et al.,Complete Mitochondrial Genomes of Ancient Canids Suggest a European Origin of Domestic Dogs ↩︎
- 2016 Wang, Guo-Dong et al., Out of southern East Asia: the natural history of domestic dogs across the world ↩︎
- 2022 Bergström, Anders et al., Grey wolf genomic history reveals a dual ancestry of dogs ↩︎
- 2020 Bergström, Anders et al., Ancient Dog Genomics – Origins and genetic legacy of prehistoric dogs ↩︎
- 2022 Dutrow, Emily V., Serpell, James A., Ostrander, Elaine A. , Canine lineages reveal genetic drivers of dog behavioral diversification ↩︎
- 2017 Parker, Heidi G. et al., Genomic Analyses Reveal the Influence of Geographic Origin, Migration, and Hybridization on Modern Dog Breed Development ↩︎
