Inhalt
- 1.1 Der Beginn der Domestikation
- 1.2. Züchterische Selektion zur Erhöhung des Nutzens
- 1.3. Was ist eigentlich mit dem Torf- oder Pfahlbauspitz?
- 1.4. Ein aufsteigender Stern. . .
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1. Blind Date mit Folgen
1.1 Der Beginn der Domestikation
Wenn man über Haustiere redet, sind immer auch deren Eigenschaften, Fähigkeiten, Nutzen usw. interessant. Wo der Mensch keinen Vorteil aus der Domestikation bestimmter Tiere ziehen konnte, unterblieb sie.
Wie muss man sich die Domestikation von Nutztieren vorstellen?
Grundsätzlich gehört der Hund, bzw. seine Vorfahren zu den sog. Kulturfolgern. Das bedeutet, dass seine Vorfahren sich den paläolithischen (steinzeitlichen) Menschengruppen genähert haben um an deren kulturellen Errungenschaften (u.A. Jagd, Nahrungshorte, beginnende Tierzucht usw.) zu partizipieren. Zunächst bewohnte der steinzeitliche Mensch beispielsweise Höhlen, später aber auch Ansiedlungen, bei denen nicht weiter verwertbare Essensreste in Gruben oder an anderen eigens dafür bestimmten Plätzen entsorgt wurden. So konnten die Wölfe vergleichsweise bequem an Nahrung gelangen. Sie folgten also den Nomadenstämmen und hielten sich auch bei beginnender Sesshaftwerdung des Menschen in dessen Nähe auf. Während manche Tiere sehr scheu waren, verloren andere ihre Scheu mehr oder weniger und ließen sich mit der Zeit sogar anlocken oder versuchten, durch eine „Überfalltaktik“ Nahrung zu stehlen, wenn sie eine Chance dazu sahen. Sie gewöhnten sich also an die Nähe des Menschen.

Dabei darf man allerdings nicht übersehen, dass der Wolf ein Raubtier ist und aus diesem Grunde auch der Mensch zu seiner potenziellen Beute zu rechnen ist! Seine Nähe bedeutete daher für den frühen Menschen gleichzeitig eine nicht zu unterschätzende Gefahr!
Entsprechend ist davon auszugehen, dass Wölfe, vor allem, wenn es sich um ein Rudel handelte oder die menschliche Gruppe Kinder hatte, auch häufig nicht in der Umgebung geduldet, sondern vertrieben wurden.
Sowohl die Wahrnehmung der Wölfe, als auch das Verhalten der Menschen ihnen gegenüber dürfte sicherlich sehr ambilvalent gewesen sein.
Gleichzeitig erkannte der steinzeitliche Mensch, dass er von der Nähe des Wolfes durchaus profitieren könnte. Zum Einen vertilgte der Wolf übelriechende Nahrungsreste und trug damit zu Hygiene und Wohlbefinden bei, andererseits nahmen sicherlich auch steinzeitliche Jäger bisweilen einzelnen Wölfen und kleineren Rudeln deren Beute ab oder ließen sich (vom Wolf natürlich unbeabsichtigt) von ihnen zu guten Jagdgründen führen. Dadurch war der Wolf nicht mehr nur gefürchteter Predator und Nahrungskonkurrent, sondern konnte sich als Partner bei der Jagd etablieren.

Durch Auffüttern verwaister oder ausgegrabener Wolfswelpen konnte der Mensch seine Beziehung zum jeweiligen Tier verbessern und es für das Zusammenleben mit dem Menschen sozialisieren, wodurch sich verschiedene Formen der Zusammenarbeit erheblich verbessern ließen. Zum Auffüttern wurden dazu z.B. junge Schweine, Wölfe oder andere zu domestizierende Tiere anfangs an der weiblichen Brust genährt, im weiteren Verlauf dann mit vorgekauter Nahrung versorgt und so mehr oder weniger stark auf den Menschen geprägt.


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1.2. Züchterische Selektion zur Erhöhung des Nutzens
Das heißt nichts anderes, als die Festlegung spezifischer Zuchtziele. Dabei muss berücksichtigt werden, welche Eigenschaften und Fähigkeiten die zur Zucht eingesetzten Tiere von sich aus bereits mitbringen, weil man durch Zuchtauswahl natürlich nur verstärken kann, was bereits vorhanden ist. Indem man nun immer diejenigen Tiere miteinander verpaart, bei denen die gewünschten Eigenschaften besonders stark ausgeprägt sind, kann man diese im Laufe der Zeit verstärken.
Beispiele:
Kanarienvogel
Der Kanarienvogel oder „Harzer Roller“ hat einen ausgesprochen feinen Geruchssinn. Man züchtete ihn deshalb vorwiegend für den Bergbau, wo der Gesang der Kanarienhähne den Bergleuten signalisierte, dass es dem Vogel gut ging. Verstummte sein Gesang, war dies für die Bergleute ein Signal für „böse/schlechte Wetter“, also aufkommende Grubengase und damit Lebensgefahr – höchste Zeit für die Bergleute, sich in Sicherheit zu bringen! Die züchterische Selektion brachte einen besonders lauten und melodiösen Gesang hervor, damit diese lebenswichtige Warnung nicht so leicht überhört werden konnte.
Rinder
Hier gab es verschiedene Zuchtziele, je nach beabsichtigter Verwendung, wobei immer die Mehrfachnutzung möglich war, allerdings mit unterschiedlichen Schwerpunkten: Fleischrinder, Milchvieh oder Zugvieh.
Noch viele solche Beispiele könnten hier aufgeführt werden, aber es soll ja um den Hund gehen. Was heißt das also bezogen auf unseren Haushund?
Die Ahnen des Hundes brachten Eigenschaften mit, die dem prähistorischen Menschen von großem Nutzen sein konnten:
Jagdtrieb, Rudelverhalten, Territorial- oder Revierverhalten.
Aus diesen drei Eigenschaften lassen sich viele Fähigkeiten unseres heutigen Hundes ableiten.
Jagdverhalten hat viele Facetten und beinhaltet u.A.
- Aufstöbern von Beute,
- Stellen der Beute,
- Zusammentreiben von Beutetieren und Abteilen eines einzelnen Beutetieres aus einer Herde,
- Jagen in der Gruppe und somit die Kommunikation und Zusammenarbeit mit anderen Rudelmitgliedern,
- Töten der Beute
Zum Rudelverhalten gehört
- Rangordnungsgefüge mit Verhaltensnormen und Rollenverteilung,
- mehr oder weniger ausgeprägtes Repertoire kommunikativer Fähigkeiten (Körpersprache usw.)
- Zusammengehörigkeitsgefühl inkl. Verteidigungsbereitschaft gegenüber Nicht-Rudelmitgliedern,
- Teilen der Nahrung,
- gemeinsame Aufzucht und Sozialisation der Nachkommen,
Territorial- oder Revierverhalten beinhaltet
- Verteidigen der Beute,
- Markierung/Abgrenzung und Verteidigung des Jagdreviers und Lagerplatzes des Rudels, sowie der Nachkommen.
Über diese Arbeits-Eigenschaften hinaus war der Hund für den Menschen zu allen Zeiten und keineswegs nur in fernöstlichen Ländern, sondern auch in West- und Mitteleuropa, ein wichtiger Lieferant für Fleisch, Pelz und Leder.
Frühe Spuren solcher Bearbeitung sind beispielsweise für die Bronzezeit in der Sierra de Atapuerca (Spanien) belegt.1,

frühe Bronzezeit

Mittlere Bronzezeit
Aber selbst in Frankreich und Deutschland landete Hundefleisch noch im letzten Jahrhundert auf dem Teller! 2
Vor allem die Schlesier mochten Hunde offenbar ganz besonders . . .

Plakat einer temporären Ausstellung im Musée des Tumulus de Bougon, Frankreich, aus: Autengruber-Thüry 20213, S. 383, © Foto: H. Autengruber-Thüry

Ich halte es auch nicht für abwegig, dass – neben der gezielten Zucht als Schlachttier – züchterische Selektion früher möglicherweise auch dadurch stattfand, dass ein Hund, der für eine bestimmte Aufgabe angeschafft wurde, dieser Aufgabe aber nicht gerecht wurde, dann eben in den Kochtopf wanderte, sofern er sich nicht durch Eigenschaften auszeichnete, die eine anderweitige Verwendung zuließ.
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1.3. Was ist eigentlich mit dem Torf- oder Pfahlbauspitz?
Der Spitz ist wohl eine der ältesten Hunderassen der Welt und wird in der älteren Literatur üblicherweise direkt auf den Torf- oder Pfahlbauspitz (Canis palustris familiaris Rütimeyer) zurückgeführt, einer Gruppe Hunde-Überresten im Fundhorizont der Mondseekultur (3800 bis 3300 v. Chr.), die von Ludwig Rütimeyer5 zuerst beschrieben wurde.
Diese entwicklungsgeschichtliche Einordnung geht zurück auf Theophil Studer, der 1901 die sog. „Urrassen-Theorie„6 entwickelte.
Diesem von Rütimeyer beschriebenen Fund am ehesten vergleichbar erschien der Fund des Torfspitz von Burlage der 1953 bei Rhauderfehn gefunden und von den Paläontologen (Teilbereich der Geologie) Berger und Lotze, die ihn geborgen hatten, entsprechend lange Zeit als bronzezeitlicher Fund verortet wurde. Spätere Untersuchungen mit der Radiocarbon-Methode ergaben allerdings als Todeszeitpunkt das Jahr 1544 (± 67 Jahre) nach Chr. Sie sind also der frühen Neuzeit zuzuordnen.

Die von Studer postulierte und auch später noch von Konrad Lorenz vertretene Urrassen-Theorie ist inzwischen durch verschiedene genetische Untersuchungen widerlegt; die Abstammung vom Wolf ist erwiesen. Diverse Untersuchungen lassen die Vermutung zu (es gibt aber definitiv dazu verschiedene Theorien!), dass der Schwerpunkt der Domestikation des Hundes etwa in der Zeit vor 32.000 – 18.000 in Europa lag.
Die von uns Spitz-Liebhabern so gern gehörte und verbreitete Geschichte von unserem geliebten Spitz als direktem Nachfolger des Urhundes – Aus und vorbei – C’est la vie!
Da wird der Verein für Deutsche Spitze wohl in seinem FCI-Standard den kurzen geschichtlichen Abriss ändern müssen!
Nichtsdestotrotz sind bereits für die Altsteinzeit verschiedene Arten von Hunden nachgewiesen und die Frage ist natürlich, ob es für den heutigen Hundehalter wirklich von vordringlicher Bedeutung ist, ob sein Hund nun vom Torfhund, vom Aschehund7, vom Altaihund8 oder einer anderen Rasse der Alt- oder Jungsteinzeit abstammt.
Aus meiner persönlichen Sicht ist es wesentlich wichtiger, etwas über die teilweise jahrtausendelange Verwendung, sowie die damit verbundene züchterische Selektion und Eigenschaften der Hunderasse zu wissen, deren Vertreter man an der Leine hat.
Dennoch: hier die Geschichte, soweit ich sie recherchieren konnte und auf dem augenblicklichen Erkenntnisstand (2026).
(Wer bei der Wissenschaft auf statische Erkenntnisse hofft, steht auf verlorenem Posten. Sie lebt davon, sich selbst und ihre bisherigen Erkenntnisse unablässig in Frage zu stellen – Wissenschaft bedeutet Veränderung und ob diese Veränderung dann auch ein Fortschritt ist, erweist sich meist erst später!)
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1. 4. Ein aufsteigender Stern . . .
Einzelne Skelettteile fraglich domestizierter Vorfahren des Hundes konnten bereits für die Zeit vor ca. 36.000 Jahren (Höhle von Goyet, Belgien) und 33.000 Jahren (Altai, Sibirien) nachgewiesen werden (Siehe auch unter Deutsches Spitz-Museum, Skelett-Funde, noch im Aufbau). Eine Domestikation des Haushundes in größerem Umfang wird für den Zeitraum von vor 18.000 bis 32.000 Jahren angenommen, bzw. belegt.9 10
Was so einfach klingen mag, ist aber tatsächlich nicht so einfach – selbst auf paläogenetischer Ebene nicht. Denn die Gruppe der Hunde, Echten Hunde, sowie der Wolfs- und Schakalartigen, zu denen unser Haushund gerechnet wird, ist weitaus größer als den Meisten bekannt sein dürfte und da auch immer mehr bereits ausgestorbene Vertreter ganzer ausgestorbener Äste ihres Stammbaumes entdeckt werden, hat sich gerade in den letzten Jahren eine Menge in der Taxonomie geändert und ist tw. auch strittig.11

Auf der Suche nach den Ursprüngen unseres Haushundes bedeutet dies, dass inzwischen keineswegs von nur einem einzelnen, sondern mindestens zwei verschiedenen Entstehungsorten und Domestikationsprozessen ausgegangen werden muss, bei denen auch unterschiedliche Vertreter der Wölfe domestiziert wurden!
Ein Skelett-Fund als solcher gibt erst einmal keinerlei Auskunft darüber, welcher Art die Beziehung zwischen Mensch und Hund war – es kann sich also durchaus um eine kurz aufeinanderfolgende zufällige Anwesenheit von Mensch und Tier gehandelt haben. Inwischen weiß man von einigen dieser Funde, dass es sich bei ihnen um sog. Lagerwölfe gehandelt hat. Ein Lagerwolf ist bereits ein Kulturfolger und kann auch u. U. erste Veränderungen gegenüber der ursprünglichen Form aufweisen – dann wird er üblicherweise als „hundeartiger Wolf“ bezeichnet. Er hat sich dem Menschen angeschlossen, weil er beispielsweise um das Lager des Menschen herum Fressbares gefunden hat. Die Beziehung zum – zu diesem Zeitpunkt noch nicht sesshaften – Menschen ist jedoch noch sehr lose und wenig bis überhaupt nicht vom Menschen beeinflusst.
Einer der ältesten Knochenfunde eines Hundes findet sich im Baskischen Eralla, der zeitlich auf 17.410–17.096 kalibrierte Jahre datiert wurde13. Eralla befindet sich in der Nähe von Altamira, das für seine jungpaläolithische sog. frankokantabrische Höhlenkunst bekannt ist. In dieser Zeit lebte dort der Cromagnon-Mensch, der den Neandertaler assimiliert hatte und während des Magdalenién als Großwildjäger vorzugsweise Wildpferde, Riesenhirsch, Elche, je nach Verbreitungsgebiet, teilweise auch Rentiere jagte.14
Diese Kultur entwickelte sich u. A. im Bereich des heutigen Deutschland zur Federmesser-Kultur weiter, zu der auch der auf 14.866–14.182 kalibrierte Jahre datierte Fundplatz Bonn-Oberkassel gerechnet wird – der zweitälteste Fund Europas.
Es ist bekannt, dass speziell die in Süd- und Mitteldeutschland verbreiteten Federmesser-Gruppen im Gegensatz zu anderen Federmesser-Gruppen Hunde hielten.15, 16 Unklar ist, ob diese möglicherweise ursprünglich aus südlicheren Verbreitungsgebieten, z. B. Spanien, mitgebracht worden waren.



Die Mitbestattung des Hundes in Oberkassel belegt gegenüber anderen Funden bereits eine vollkommen neue Qualität im Sinne einer tiefgreifenden Verbindung und Bedeutung des Hundes für den Menschen und damit die erste wirkliche Stufe der Domestikation.
Dieser Fund ist mittlerweile recht gut untersucht. Es handelt sich bei den beiden Menschen um einen ca. 40jährigen Mann. der zwei verheilte Verletzungen aufwies und eine etwa 25jährige Frau, die bereits Kinder geboren hatte.
Entgegen früheren Annahmen zeigte sich, dass die gefundenen Hunde-Skelettreste allerdings nicht zu einem, sondern zu zwei Hunden gehören müssen, wobei einer der Hunde älter und etwas kleiner war. Bei Untersuchungen der Zähne des jüngeren Hundes fand man heraus, dass er ungefähr im Alter von 19 Wochen an Staupe erkrankt war, die er aber verhältnismäßig lange überlebt hatte. Zwischen der 19. und 23. Lebenswoche entwickelte er mehrere schwere Krankheitsschübe, die zum Untergang einiger Zahnkeime und weiteren skelettalen Schäden geführt hatten (typisch für frühe Staupe-Erkrankungen), und die er ohne erheblichen Pflegeaufwand nicht überlebt hätte. Er muss also intensiv und über einen Zeitraum von mehreren Wochen gepflegt worden sein, bevor er im Alter von ca. 28 Wochen verstarb. Zu diesem Zeitpunkt hatte er eine berechnete Schulterhohe von etwa 45 cm und wog um 15 kg. Dass er während dieses Zeitraumes für den Menschen irgendeinen Nutzen gehabt haben könnte, ist nicht nur im Hinblick auf seinen körperlichen Zustand mit absoluter Sicherheit auszuschließen, sondern er kann in diesem Alter auch noch keinerlei Training, z. B. für die Jagd, gehabt haben. Die einzigen Erklärungen sind also eine enge emotionale Beziehung und eine für das eigene Überleben (z. B. Jagderfolg) besondere Wichtigkeit. In unmittelbarer Umgebung dieses Begräbnisplatzes wurden inzwischen weitere Hundezähne gefunden, deren nähere Untersuchung allerdings, ebenso wie die genaue Analyse der Überreste des zweiten Hundes, noch aussteht18.

Als während der letzten Phase des Magdalenién, insbesondere des Alloröd im norddeutschen Bereich die Vergletscherung zurückwich und der dort herrschende Permafrost (siehe nebenstehende Karte) abzutauen begann, verlagerte sich das Verbreitungsgebiet der von den Jägern der Federmesser-Kultur bevorzugten Elche, Wildpferde und Riesenhirsche schwerpunktmäßig weiter nach Norden. (Hierzu zählt z. B. auch der noch nicht endgültig ausgewertete Fundplatz Westerkappeln bei Münster, in: Archäologie in Westfalen-Lippe 2020)

Dies bewirkte, dass auch die Federmesser-Kultur sich weiter in Richtung Norden ausbreitete und die dort vorherrschende Hamburger Kultur, deren Verbreitungsgebiet nördlich der Mittelgebirgsgrenze lag, ablöste. Während die Federmesser-Gruppen ihr Verbreitungsgebiet in nördlicher Richtung ausdehnten, nahmen sie selbstverständlich die von ihnen zur Jagd benötigten Hunde mit nach Nordeuropa.

Die von der Hamburger Kultur bevorzugte Bejagung von Rentieren verlor durch diesen klimatischen Wandel und die daraus resultierenden Umweltveränderungen zunehmend an Bedeutung und während der sich nun in Norddeutschland, Schonen und Dänemark entwickelnden Bromme-Kultur lag der Schwerpunkt wieder auf der Elch- und Riesenhirsch-Jagd in waldigen Gebieten.
Die Schonener Kultur entwickelte sich während ihrer unmittelbar anschließenden weiteren Verbreitung Richtung Norden und zunehmenden Besiedlung der Gebiete des heutigen Schweden weiter, wo am südöstlichen Ufer des Hornborgasees vier Hundeskelette gefunden wurden, die entsprechend des anatomischen Aufbaus als spitzartige Hunde eingestuft wurden und ein verhältnismäßig homogenes Erscheinungsbild gehabt haben dürften. Sie befanden sich in einem jungsteinzeitlichen Fundkomplex, der als Lagerplatz einer Jägerkultur identifiziert wurde und wurden auf die Zeit etwa 7.000 bis 5.000 Jahre v. Chr. datiert – eine genauere Datierung liegt noch nicht vor.20
(Zum zeitlichen Vergleich: Ringgrabenanlagen: Chleby/Tschechien: ca. 4.500 v. Chr.; Stonehenge/Großbritannien, 1. Phase: ca. 3.100–2.900 v. Chr.; Pömmelte/Deutschland; ca. 2.300-2.050 v. Chr.)
Durch die nun wesentlich trockenere Kölner Bucht hingegen zogen große Rentierherden, die eben weniger sumpfiges und offeneres Land bevorzugten. Als Folge entwickelte sich im weiteren Verlauf im Bereich des heutigen Deutschland die halbnomadisch lebende Ahrensburger Kultur, deren Jäger den Herden auf ihren saisonalen Zügen zwischen Norddeutscher Tiefebene im Winter und Mittelgebirge im Sommer hinterherzogen.21 Neueren Erkenntnissen zufolge kam es etwa zu diesem Zeitpunkt – dem mittleren 10. Jahrtausend v. Chr. – bereits zur Differenzierung zwischen Jagd- und Hütehunden im westlichen Eurasien.22 Ob eine vergleichbare Entwicklung auch im hiesigen Raum stattfand, ist derzeit noch offen.
Die bei den Ahrensburgern verbliebenen Hunde wurden zwar auch zur Jagd eingesetzt, aber diese erfordert bei Rentieren vollkommen andere Vorgehensweisen. Rentiere werden bis heute in Lappland in einer halbdomestizierten Form gehalten. Dabei leben die Tiere im Wesentlichen frei in der Natur, werden aber zu bestimmten Zeitpunkten zusammengetrieben. Zu diesem Zweck benötigt man also eher sog. Treibhunde.

(Falbygdens_Museum)
Diese Veränderung lässt es zumindest nicht unwahrscheinlich erscheinen, dass auch hier eine vergleichbare züchterische Selektion zwischen Jagd- und Hütehunden erfolgt sein könnte, denn eine Reduktion des Jagdtriebes und Verstärkung des Territorialverhaltens, auf der die Raubzeugschärfe von Herdenschutz- und Treibhunden beruht, hätte einen immensen Vorteil bedeutet und genau solche Vorteile sind die wichtigste Triebfeder für Veränderungen/Entwicklungen. Bekannt ist zumindest, dass man bereits in der Urzeit begonnen hatte, Hunden zum Schutz bei Auseinandersetzungen mit größeren Predatoren ein schnell und leicht filzendes Fell anzuzüchten, das sich wie ein schützender Panzer um den Körper des Hundes legte und so die Gefahr schwerer oder gar tödlicher Verletzungen reduzierte. Dieses Vorgehen war allerdings nur sinnvoll, wenn solche Auseinandersetzungen in offenem Gelände (und das lag hier vor!) stattfanden, bei denen sich das Fell der Hunde nicht im Gestrüpp verfangen konnte, wodurch sie dem Predator hilflos ausgeliefert gewesen wären.
Vergleicht man nun diese kulturellen Entwicklungen und die sich aus den Veränderungen des Klimas und den dazugehörigen Jagdfaunen resultierenden unterschiedlichen Bedürfnisse und Jagdstrategien der weiter im Norden sich verbreitenden Bromme-Kultur mit denen der im Bereich der Mittelgebirge verbliebenen Ahrensburger, so findet man eine frappierende Ähnlichkeit zwischen dem über lange Zeit hinweg schwerpunktmäßig im Rheinland und dem späteren Westfalen zu findenden klassischen Wolfsspitz und dem Norwegischen Elchhund, die eine gemeinsame Abstammung beider Hunderassen von den Hunden der Federmesserkultur nahelegt und sowohl der Verwendung der Hunde, als auch ihrem Verbreitungsgebiet zugeordnet werden kann. Auch, wenn inzwischen etliche tausend Jahre vergangen sind, zeigt sich bei der Untersuchung anderer sehr alter Hunderassen (z. B. Jindo Gae etc.), dass weitergehende züchterische Modifikationen der Hunderasse entweder minimiert wurden oder gänzlich unterblieben, sobald das Ergebnis bisheriger züchterischer Intervention den erwarteten/beabsichtigten Nutzen erreicht hatte.
Darüber hinaus ist es bemerkenswert, dass bereits die in Nordspanien von den Vorgängern der Federmesser-Kultur zur Jagd verwandten Hunde unübersehbar vorwiegend Stehohren haben und eine geringelte Rute tragen!
Nun ist es natürlich mit „Nahelegen“ nicht getan.
Denn:



Übereinstimmende Merkmale können auf einer verwandschaftlichen Beziehung beruhen – müssen es aber nicht!
Es gibt durchaus Parallel-Entwicklungen, die auf vergleichbaren/identischen Anforderungsprofilen, z. B. Umweltbedingungen beruhen! (Insel-Gigantismus oder Ähnliches)
Riskieren wir also einen Blick hinter die Kulissen der Genetik. Und dort finden wir tatsächlich bei Parker nicht nur die extrem frühe Entstehung dieser beiden Hunderassen, sondern auch deren gemeinsame Wurzel bestätigt!23 (Der lachsfarbene Bereich bei 7 Min.) Die einzigen, scheinbar (!) noch älteren Hunderassen sind einem anderen Ursprungsort, nämlich dem der eurasischen Steppenhund-Population, zuzuordnen. Das bedeutet, dass die Vermischung des Erbgutes zwischen den Hunden des lachsfarben angezeigten Anteils mit dem der Steppenhund-Population erst nach Entwicklung der anderen Rassen stattfand. Denn die Abfolge in einem Cladogramm ist nicht zwangsläufig eine echtzeitliche, sondern eine relative, bei der die Entwicklungsschritte in eine Reihenfolge gebracht werden. Darauf werde ich im weiteren geschichtlichen Ablauf noch eingehen.
Die Stellung z. B. der Eurasier in diesem Cladogramm beruht auf einer späteren Züchtung und damit Vermischung des Erbmaterials während der 1960er Jahre, die zu einer scheinbaren (!) Verzerrung führt. Solche, bei verschiedenen Hunderassen gefundenen, scheinbaren Verzerrungen werden in der Arbeit auch explizit thematisiert, genauer untersucht und erläutert. Ebenso untersucht wurde, dass und warum die hier untersuchten Keeshonden eine verhältnismäßig breite genetische Variabilität aufweisen und als Ursache dafür wurden Einkreuzungen in der US-amerikanischen Zucht ermittelt.

Dabei zeigt das Cladogramm, dass der Elchhund die ältere Form repräsentiert – seine Verwendung erfolgte auch im Anschluss gemäß dem ursprünglichen Zweck, während der Wolfsspitz eine weitere züchterische Anpassung durchlief. Gleichzeitig erklärt diese Herkunft und enge Verwandschaft den Hintergrund, warum der Wolfsspitz nicht nur größer ist als die übrigen Spitze, sondern im Vergleich zu ihnen auch eine vollkommen andere Fellstruktur aufweist, die eine deutlich höhere Tendenz zum Filzen zeigt.
Wir hatten also mit dem ursprünglichen Wolfsspitz sicherlich keinen Ur-Hund im Sinne Theophil Studers, aber dennoch – zusammen mit dem grauen Elchund – zwei der vermutlich ältesten Hunderassen Mitteleuropas.
Neueste Funde – Gough’s Cave (Großbritannien) – belegen eindeutig die bereits extrem frühe Verbreitung domestizierter Hunde im westlichen und nordwestlichen Europa, sind allerdings z. Zt. noch nicht vollständig untersucht und ausgewertet, so dass augenblicklich zwar eine vorläufige Einordnung24 vorgenommen werden konnte, aber sicherlich in Zukunft noch weitere Ergebnisse zu erwarten sind.
An dieser Stelle möchte ich noch ergänzend anmerken, dass wir im Allgemeinen den Begriff der Domestikation immer als nur einseitig zielgerichtete Einflussnahme des Menschen auf eine Tiergruppe in seiner Umgebung sehen. De facto sollte aber m. E. wesentlich stärker die Tatsache berücksichtigt werden, dass diese Beeinflussung wechselseitig war und ist. Zum Einen sind keineswegs alle Tiere gleichermaßen domestizierbar. Zum Anderen beeinflusst die Domestikation bestimmter Tiere auch uns Menschen. Auf den Hund bezogen heißt das: Mit dem – auf derzeitigem Stand der Wissenschaft – Hund als erstem domestizierten Begleiter und Verbündeten des frühen Menschen eröffneten sich diesem eine ganze Reihe neuer und wertvoller (Entwicklungs-)Möglichkeiten, die er ohne Hund so nicht gehabt hätte. Beispiele:
- Zwar konnte der frühe Mensch auch ohne Hund erfolgreich jagen – mit einem oder mehreren Hunden konnte er aber nicht nur leichter und folglich mehr Wild erbeuten, sondern auch Tiere jagen, die ohne Mithilfe des Hundes für ihn zu schnell oder zu groß gewesen wären.
- Insbesondere sehr wehrhaftes Wild (z. B. Wildschwein, Auerochse etc.), dessen Jagd ohne Hund(e) nur in einer größeren Gruppe erfolgreich war, konnte mit Hund(en) auch von einer geringeren Anzahl menschlicher Jäger überwältigt werden. Dies ermöglichte dem Menschen also das Leben auch in weniger großen Familienverbänden.
- Mit dem Hund an seiner Seite konnte der frühe Mensch weitere Nutztiere (Schweine, Schafe, Rinder) leichter domestizieren, da der Hund solche Herdentiere nicht nur als Herde leichter zusammenhalten konnte als der zunächst noch nomadisierende Frühmensch, sondern sie auch gegen Übergriffe anderer Raubtiere (oder auch Menschen) besser schützen konnte als der Mensch allein es gekonnt hätte.
- Da die Sesshaftwerdung des Menschen zwangsläufig zumindest eine minimale Vorratshaltung notwendig machte und Lebensmittelvorräte und eingestallte Nutztiere besonders im Winter zwei- und vierbeinige Diebe anzogen, die einen festen Wohnsitz leichter auskundschaften konnten als ein alle paar Tage wechselndes Lager, trug der Hund als Wächter einen nicht unerheblichen Teil dazu bei, dem Menschen die Sesshaftigkeit überhaupt zu ermöglichen. Man darf sich den Umstieg des frühen Menschen von der Jäger- und Sammlerkultur auf Feld- und Viehwirtschaft ja nicht als gleichzeitige oder gar einheitliche Veränderung Aller vorstellen, sondern als langsamen Prozess, bei dem sich umherstreifende Jäger und Sammler über das eingestallte Vieh der bereits Sesshaften gefreut haben, weil sie es als willkommenes jagdbares Wild betrachteten – sie hatten vollkommen unterschiedliche Begrifflichkeiten von „Eigentum“.
Das soll keineswegs heißen, dass der Mensch bestimmte Entwicklungen nicht auch ohne den Hund hätte machen können, aber mit Sicherheit hat der Hund viele Entwicklungen vereinfacht und/oder beschleunigt. Wir müssen uns also durchaus ernsthaft fragen, ob wir Menschen ohne den Hund überhaupt zu dem geworden wären, was wir heute sind. Nicht nur der Mensch hat den Hund geformt und geprägt, sondern auch der Hund den Menschen!
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Bibliografie
Die Angaben mit vorangestellter Jahreszahl beziehen sich auf wissenschaftliche Publikationen, die mit vorangestelltem Namen des Autors/der Autoren/Herausgebers auf Bücher und sind unter dem jeweiligen Link zu finden. (Sofern sie nicht ausschließlich käuflich zu erwerben sind!)
Diese und weitere Literatur finden Sie unter: Deutscher Spitz – Info-Zentrum
- 2022 Galindo‑Pellicenam, M. Ángeles et al., Long‑term dog consumption during the Holocene at the Sierra de Atapuerca (Spain) – case study of the El Portalón de Cueva Mayor site ↩︎
- 2014 Karl, Dr. Hans-Volker, Über einen eisenzeitlichen Grubenkomplex mit auffälliger Tierartenverteilung von Erfurt-Büßleben ↩︎
- Autengruber-Thüry, Heidelinde, Hunde in der römischen Antike, Rassen-Typen-Zucht-Haltung und Verwendung, Archäopress 2021, ISBN 978-1-78969-836-7 ↩︎
- 2014 Karl, Dr. Hans-Volker, Zur Kynophagie in Mitteleuropa-Nachweise zur Hundeschlachtung in den preußischen Ländern und der Stadt Erfurt, in: SuG 3/11, S. 26 ↩︎
- Rüthimeyer, Ludwig, Die Fauna der Pfahlbauten der Schweiz. Untersuchungen über die Geschichte der wilden und der Haus-Säugethiere von Mittel-Europa. Bahnmaier (C. Detloff), Basel, 1861 ↩︎
- 1901 Studer, Dr. Theophil, Die prähistorischen Hunde in ihrer Beziehung zu den gegenwärtig lebenden Rassen, In: Abhandlungen der schweizerischen paläontologischen Gesellschaft, Vol. XXVIII, 1901 ↩︎
- 2007 Plüss, Petra, Archäozoologische Untersuchungen der Tierknochen aus Cresta-Cazis (GR) und ihre Bedeutung für die Umwelt-, Ernährungs- und Wirtschaftsgeschichte während der alpinen Bronzezeit ↩︎
- 2013 Druzhkova, Anna S. et al., Ancient DNA Analysis Affirms the Canid from Altai as a Primitive Dog ↩︎
- 2013 Thalmann, O. et al., Complete Mitochondrial Genomes of Ancient Canids Suggest a European Origin of Domestic Dogs ↩︎
- 2014 Bocherens, Hervé et al., Reconstruction of the Gravettian food-web at Predmostí I using multi-isotopic tracking ( 13 C, 15 N, 34 S) of bone collagen ↩︎
- 2021 Perri, M. et al., Dire wolves were the last of an ancient New World canid lineage ↩︎
- 2016 Wang, Guo Dong et al., Out of southern East Asia: the natural history of domestic dogs across the world ↩︎
- 2022 Hervella, Montserrat et al., The domestic dog that lived ~17,000 years ago in the Lower Magdalenian of Erralla site (Basque Country): A radiometric and genetic analysis ↩︎
- 2004 Serangeli, Jordi, Verbreitung der großen Jagdfauna in Mittel- und Westeuropa im oberen Jungpleistozän ↩︎
- 2009 Fahlke, Julia M., Der Austausch der terrestrischen Säugetierfauna an der Pleistozän-Holozän-Grenze in Mitteleuropa ↩︎
- 1991 Grimm, Oliver et al., Jagdgeschichte an einigen Beispielen aus Norddeutschland – Von der Rentierjagd zur Beizjagd ↩︎
- 2013 Baales, M. Pollmann, H. O, Stapel, B., Westfalen in der Alt-und Mittelsteinzeit ↩︎
- 2018 Janssens, Luc et. al., A new look at an old dog: Oberkassel resonsidered ↩︎
- 2013 Baales, M., Pollmann, H..O, Stapel, B., Westfalen in der Alt-und Mittelsteinzeit ↩︎
- 1995 Bägerfeld, Lars, Falbygdens Forntid, S, 20ff ↩︎
- 2006 Terberger, Thomas, From the First Humans to the Mesolithic Hunters in the Northern German Lowlands – Current Results and Trends ↩︎
- 2022 Brassard, Colline et. al., Unexpected morphological diversity in ancient dogs compared to modern relatives ↩︎
- 2017 Parker, Heidi G. et al., Genomic Analyses Reveal the Influence of Geographic Origin, Migration, and Hybridization on Modern Dog Breed Development ↩︎
- 2026 Marsh, William A. et al. Dogs were widely distributed across western Eurasia during the Palaeolithic ↩︎
