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5.2. Spitzzucht unterm Hakenkreuz
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5.2. Spitzzucht unterm Hakenkreuz
Zu allen Zeiten mussten Hunde schon als Symbolträger herhalten. Was vor der klassischen Antike war, wissen wir (noch) nicht genau, in der klassischen Antike haben wir gesehen, dass der Melitäer bestimmte Ideologien transportierte und vermutlich wird es mit seinen molossoiden Zeitgenossen nicht anders gewesen sein. Im Mittelalter verkörperte vor allem der Jagdhund Stärke und Geschicklichkeit, später auch Durchsetzungsvermögen seines Herrn und der immer-hungrige Bauernhund oder Streuner den Sittenverfall, Gefräßigkeit und Gier.
Bei Bismarck finden wir Doggen, die als regelrechte „Reichshunde“ bekannt waren und Generalfeldmarschall Hindenburg und sein Stellvertreter Ludendorff, die im 1. Weltkrieg entscheidenden Einfluss auf die Kriegsführung hatten, kultivierten sich selbst als passionierte Schäferhund-Halter.
Vergegenwärtigt man sich nun einmal die geistigen Strömungen und Entwicklungen ab dem ausgehenden 18./beginnenden 19. Jahrhundert, findet man ein zunehmendes Interesse, die Welt zu verstehen, in Kategorien einzuteilen und zu systematisieren. Das fängt bei Carl von Linné an und entwickelt sich über Darwin weiter. Parallel entwickelt sich durch Übertragung auf gesellschaftliche Ebenen der Sozialdarwinismus, der logischerweise auch Auswirkungen auf soziale und politische Ideologien hat – sei es nun der Kolonialismus oder die Eugenik. Vererbungslehre wird in Bevölkerungspolitik umgesetzt und gipfelt schließlich in Rassenhygiene. (Mal so im Schnelldurchlauf…)
In exakt diesem Kontext entwickelt sich nun die moderne Rassehundezucht. Rassehundezucht, wie sie sich in der vereinsmäßigen Zucht zeigt, hat deutlich andere Kriterien als zweckgebundene Tierzucht!
Dem Bauern, dem es darauf ankommt, dass der Hund auf sein Hab und Gut aufpasst und es natürlich nicht selbst auffrisst, ist es ziemlich egal, ob der Hund nun 5 cm kleiner oder größer ist, solange er nicht so groß wird, dass er ihn nicht mehr satt bekommt. Es ist ihm auch „wurscht“, ob der ein andersfarbenes Fleckchen im Pelz hat, so lange der Hund seine Aufgaben ordentlich erfüllt. Und wenn er meint, dass sein Hund das aus Altersgründen bald nicht mehr schafft und er für den eigenen Bedarf Nachzucht braucht, dann interessiert ihn dabei, ob der Deckpartner ebenso gute Arbeitsqualitäten hat.

Anders ist es bei der modernen Rassehundezucht. Da werden die Hunde anhand des schriftlich fixierten und standardisierten Idealbildes beurteilt, z. B. nach Aussehen. Sie werden mit dem Zentimetermaß ausgemessen und müssen dieser Norm mehr oder weniger detailliert entsprechen. Der ursprünglich durchaus vorhandene relativ lockere Sinnzusammenhang zwischen Exterieur und Arbeitseigenschaft geht zunehmend verloren zugunsten der Genauigkeit der Kategorisierung: Der Standard wird zum Selbstzweck.und seine Einhaltung zum symbolträchtigen Fetisch, der durch Auszeichnungen, Pokale et cetera pp dokumentiert wird und nicht nur dem Hund, sondern auch seinem Züchter und/oder späterem Halter dessen Stellenwert in diesem Gefüge zuweist.1

(Man bekommt auch heute, wenn man nach den Gründen für die Zucht in einem Verein fragt, nur sehr selten die Antwort, dass der angehende Züchter sich davon erhoffe, durch bessere Beratung und Austausch mit anderen Züchtern gesündere Hunde züchten zu können, sondern, dass die Welpen „Papiere“ bekommen sollen!)
Aus der Fixierung auf einen vordefinierten Standard und dessen Einhaltung ergibt sich zwangsläufig ein Mindestmaß an Rassereinheit – denn jede Anpaarung mit einem anderen Hund beinhaltet ein Potenzial der Abweichung von dieser Norm, die wiederum als minderwertig betrachtet wird, unabhängig davon, ob sie tatsächlich negative Folgen für Gesundheit, Lebenserwartung oder Arbeitseigenschaften hat/haben kann oder nicht. (Unschwer erkennbar an der auch heutigen Abneigung vieler Rassehundezüchter gegen Outcrossing!)
Dabei ist die Frage der Rassereinheit – im richtigen Maß – durchaus nicht negativ zu sehen, denn sie eröffnet die Möglichkeit, bereits bei der Anschaffung eines Hundes zumindest grob dessen zu erwartende Potenziale abzuschätzen und zu beurteilen, ob er für die ihm zugedachte Aufgabe und das zukünftige Umfeld geeignet ist.
Zitat aus: 1937 Fachschaft für deutsche Spitze, Der Deutsche Spitz in Wort und Bild2
„Je ähnlicher die Nachkommen ihren Vorfahren gleichen, desto wertvoller sind sie für die Zucht. Denn nur mit Eigenschaften, die erbbeständig und erbsicher bleiben, kann der Züchter etwas anfangen. Weicht er von dieser Regel ab, so bleibt er ewig am Probieren und kommt nicht weiter.
Erbbeständigkeit und Erbsicherheit zu gewährleisten, ist ja der Hauptzweck jeder Zuchtbestrebung. Die Reinheit der Rasse fußt darauf. Alles Andere ist Pfusch und Bastardisierung, Rückschlag und Verschlechterung.“
Rassereinheit an sich bekommt dadurch symbolhaften Charakter.
Andere Symbole können aufgebaut werden, indem man einer Hunderasse oder einer Tiergattung bestimmte Eigenschaften zuordnet – wie wir es aus Fabeln kennen: Die „weise Eule“, der „schlaue, aber verschlagene Fuchs“, die „hinterhältige Schlange“ usw.
Auch solche Symbole können der Selbstdarstellung dienen und/oder repräsentieren ein Statement an die Umgebung. (Der Tierschützer in Cargohose mit einem geretteten dreibeinigen Mischling aus der spanischen Tötungsstation.)
Das heißt selbstverständlich nicht, dass Rassehundezucht automatisch auch nationalistisches Gedankengut beinhalten würde .(Nur weil irgendein Mordwerkzeug vom gleichen Hersteller stammt wie mein Frühstücksmesserchen, bin ich ja noch längst kein Mörder!) Dennoch sind gewisse Analogien nicht von der Hand zu weisen! Der Hinweis darauf soll (und muss) aber verdeutlichen, wie schmal der Grat ist und wie groß die Gefahr von Missverständnissen bei der Beurteilung von Aussagen, die, unbedacht oder vorschnell geäußert, so manchen ins KZ oder an den Galgen gebracht haben mögen.
Im Nationalsozialismus suchte man nach einem Hund, der möglichst die postulierten „urdeutschen“ Eigenschaften verkörpern sollte. Er sollte stark, schnell, durchsetzungsfähig und von unbedingtem Gehorsam und Opferbereitschaft geprägt sein – Parolen wie „flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl“ wurden in die Köpfe gehämmert. Entsprechend sollte Alles „schwächliche“ ausgemerzt werden. Hunde, denen man diese Eigenschaften besonders gut zuschreiben konnte, waren vorzugsweise Schäferhunde, die darüber hinaus auch eine optische Ähnlichkeit mit dem im Nationalsozialismus idealisierten Wolf aufweisen, aber auch Doggen und andere große (meist molossoide) Hunderassen kamen in Betracht. Der Spitz, den man ja zum damaligen Zeitpunkt noch als unmittelbaren Nachfahren des Torfspitzes/Pfahlbauspitzes und damit als Ahnherrn aller weiteren Hunderassen ansah, verkörperte dagegen völkische Traditionsverbundenheit, die ebenso ins Inventar der Nationalsozialisten gehörte. Auch andere Tiere wurden gern entsprechend als Schädlinge oder Nützlinge attribuiert und propagandistisch eingesetzt (Läuse zum Vergleich mit Juden, Sinti und Roma etc.) oder beispielsweise die Züchtung des Heckrindes als vermeintliche Rückzüchtung des Auerochsen (von Hermann Göring) gefördert, dem der (angebliche!!! und zum Herrenmenschen hochstilisierte) „Arier“ sich im „natürlichen Überlebenskampf“ entgegenwarf . . .

Der Umgang mit Tieren war also im Nationalsozialismus ganz besonders ambivalent – zu propagandistischen Zwecken eingesetzt verkörperte er aber Volksnähe und lenkte von Gräueltaten gegenüber Menschen zumindest teilweise ab. Am 24.11.1933 wurde das erste Reichstierschutzgesetz (dazu H. van Veen, Text) erlassen. Darin wurde unter anderem festgelegt, dass warmblütige Tiere nicht mehr ohne Betäubung geschlachtet werden durften. Was auf den ersten Blick nach Tierliebe aussieht, hatte allerdings eine andere Stoßrichtung: Es zielte vor allem darauf ab, Juden das rituelle Schächten zu verbieten.
Gleichzeitig benötigte das Regime bestimmte Tiere auch zur Ernährung (Rinder, Schafe, Ziegen), Kriegsführung (Pferde, Hunde) und anderweitige Aktivitäten wie Bewachung von KZs usw. Die von v. Stephanitz beispielsweise postulierte sehr brutale Welpenmerz erfüllte dabei den Zweck, rassenhygienische Vorgehensweisen (Stichwort „Rassenschande“) zu verdeutlichen und zu rechtfertigen. (Bei der Veröffentlichung seines Buches zur Hundezucht gab es bemerkenswerterweise für Deutschland eine völlig andere Ausgabe als für das Ausland und das sind keineswegs nur sprachliche Unterschiede.)
Und aus genau solchen Gründen passte da die Rassehundezucht wunderbar ins Portfolio.
Was tut sich nun also in der Spitzzucht?
Im erhaltenen Relikt eines Zuchtbuchs – Band 13 (herausgegeben im Januar 1933, hier liegen lediglich die Zuchtbücher ab Bd. XIV, 1934 vor) findet sich der folgende Eintrag, an dem man sich züchterisch also zu diesem Zeitpunkt noch orientiert:
Laut Beschluß der Generalversammlung zu Frankfurt a.M. 1906 werden alle Größen, Rassekennzeichen, des deutschen Spitzes anerkannt. Die maßgebende Farbeneinteilung ist vorerst folgende:
- Große Spitze: a) wolfsfarbige, b) schwarze, c) weiße und d) andersfarbige Spitze.
- Kleinspitze bis zu 28 cm Schulterhöhe: a) schwarze, b) braune, c) weiße und d) andersfarbige Kleinspitze
Besondere Klassen werden auch für die einzelnen Farbenschläge eingerichtet.
Die sogenannten Seidenspitze erkennt der Verein und das Kartell nicht an und bezeichnet sie als Bastard.
[…]
- Größe
Wolfsspitze, Rüden und Hündinnen möglichst 45 cm, jede Größe darüber zulässig; je größer, je lieber, doch darf die Gesamterscheinung nicht unter der Größe leiden. Ein echter Wolfsspitz soll außer der Farbe auch Größe haben. Bei schwarzen, weißen und andersfarbigen Spitzen möglichst 40 cm.
B. Der Kleinspitz
Der Kleinspitz hat genau dieselbe Behaarung wie die großen Spitze und unterscheidet sich von diesen nur durch geringere Größe und entsprechend feinere Bauart. Ohren wie auch Pfötchen müssen sehr klein und äußerst fein behaart sein.
Farbe: Jede Farbe ist zulässig.
Größe: Höchsten 28 cm, je kleiner, je besser, jedoch keine Krüppel
Gewicht: Nicht schwerer als 7 1/2 Pfund.

(Deutsches Reich)
Märchen: Hans im Glück,
Entwurf von Paul Hey

Hey, Paul (1867 – 1952) Hans im Glück
Am 30. 01.1933 wird das Hundewesen aufgrund einer staatlichen Verordnung neu geregelt und der Reichsverband für das Deutsche Hundewesen (RDH) gegründet.
23. Generalversammlung, 1933, 9. Juli, Ulm
Die Gleichschaltung der Hundevereine und die großen politischen Umwälzungen stehen im Mittelpunkt, weil dadurch richtungsweisende Neu-Vorschriften zu erwarten sind und es daher unzweckmäßig erscheint, lange über Anträge zu beraten.
Der RDH löst ab dem 01.10.1933 als Einheitsorganisation für die Hundezucht in Deutschland die drei führenden Organisationen in der Hundezucht – Deutsches Kartell für Hundewesen, die Delegierten Commission (DC) und den Verband von Vereinen zur Prüfung von Gebrauchshunden zur Jagd (JGV) bei der Zuchtbuchführung – ab. Die Mitglieder dieser Organisationen werden automatisch als Mitglieder in den RDH übernommen. Die anderen Hundezuchtverbände stimmen dem zu und lösen sich zum 31.12.1933 auf – offiziell zumindest. Die Rassezuchtvereine wurden zu „Fachschaften“ und aus den Landesverbänden wurden „Gaue“.

Außerordentliche Generalversammlung, bzw. Hauptversammlung der Fachschaft Deutsche Spitze 1933, 3. Dez., Stuttgart
Thema ist die staatlich verordnete Neuregelung des Hundewesens.
Bei dieser Generalversammlung werden die Vertreter über die staatlich verordnete Neuregelung des Hundewesens informiert, die z. B. Satzungsänderungen erforderlich macht:
Nun wählen die Mitglieder der Fachschaften einen „Reichsobmann“ oder „Führer“, dessen weitere Mitarbeiter aber nicht mehr gewählt, sondern von ihm berufen werden. Ebenso beruft er „Gau-Obmänner“ (vorher Landesgruppenvorsitzende). Ab dem 1. Januar 1934 wird das DHStB durch das Reichssammelzuchtbuch ersetzt, in das ab sofort alle Hunde eingetragen werden.
Reichsobmann (oder Führer) wird nun Dr. Manger,
Stellvertreter: J. Lehmann, Stuttgart und Dir. Schulz, Berlin
Geschäftsstelle: Heinrich Sassenberg, Troisdorf


Durch die Zusammenfassung sämtlicher Rassezuchtvereine wird der neu gegründete RDH zum mitgliederstärksten Verband innerhalb der FCI, die ihn im März 1934 dann auch als solchen in ihren Reihen begrüßt und ihm die Ausrichtung des 3. Kynologischen Weltkongresses für das Jahr 1935 überträgt.
Der RDH legt nun fleißig eine Ausstellung nach der anderen vor – die Spitze sind dabei überall gut vertreten! Der Kynologische Weltkongress der FCI findet am 21. April 1935 in Frankfurt a. M. statt.

22. April 1935: Bericht über die Eröffnung des 3. Kynologischen Weltkongresses am 21.04.1935 in Frankfurt a, M.5, weiterlesen . . .

Im Anschluss an den Kongress mit solchen interessanten Themen wie Tierschutz, Rassezüchtung, Keimzellforschung, Mutation usw. ging es dann zügig weiter mit der 1. Welt-Hundeausstellung, auf der die Spitze sich mit 101 ausgestellten Hunden präsentierten (insgesamt wurden in diesem Jahr 252 Spitze ausgestellt – fast die Hälfte davon also in Frankfurt). Weltsieger-Titel errangen neben dem deutschen Wolfsspitz „Aron von Dörfle“ (Bes. W. Weißenborn, Lauterbach-Schramberg) u. A. die weißen Großspitze „Max von Weisshorn“ (Bes. Bolliger, Richterswil) und „Lisa von Stolzenfels“ (Bes. von Nübling, Zürich) aus der Schweiz. Insgesamt nahmen 14 Nationen an dieser Ausstellung teil und hatten 3.311 Hunde aus 124 Rassen gemeldet (siehe Bericht!).


Reichsminister Wilhelm Frick – Schirmherr des kynologischen Weltkongresses von 1935



Dennoch gab es ein paar ganz renitente Vertreter unter den Hundezüchtern, die bereits seit Jahrzehnten „fest im Sattel saßen“, kynologisch etabliert waren und sich einfach nicht diesem staatlich verordneten Reglement unterwerfen, sondern ihre Stammbuch-Angelegenheiten weiterhin selbst über die Delegierten Commission regeln wollten – da hat sich dann mal kurz die Geheime Staatspolizei (Gestapo) eingeschaltet . . .
(Auch hier noch einmal der Hinweis, dass nicht jeder zum Helden geboren ist und darum auch nicht jeder, der nicht offenen Widerstand geleistet hat, pauschal als „Mitläufer“ eingestuft werden darf – so manch einer mag einfach die Zähne zusammengebissen und gehofft haben, dass es irgendwann anders wird!)7



24. Generalversammlung, 1936, 25. April, Köln-Deutz
Dr. Manger wird mit 36 Stimmen von 38 anwesenden Mitgliedern als Reichsobmann der Fachschaft wiedergewählt.
Die durch den R.D.H. geforderten Satzungsänderungen sind erfolgt und werden 1936 als Nachdruck erscheinen. Die Neuregelungen sind zahlreich und betreffen vorwiegend die Führung der Fachschaft, sowie Satzung und Eintragungsbedingungen.
Es wurde festgestellt (Zitat):
Unsere Rassekennzeichen sind nach wie vor dieselben, wie sie im Jahre 1900 festgelegt wurden. Wie unser Spitz als urdeutsche Rasse war und ist, so soll er auch bleiben in Form, Wesen und Charakter. Die Aufgabe unserer Züchter muß es sein, diese drei Merkmale beim Spitz zu erhalten und mit Schönheit zu vereinen.


(C) Fam. Timpl
Die Zucht der Klein- und Wolfsspitze hat sich qualitativ und quantitativ lt. Bericht gut entwickelt. Allerdings warnt Dr. Manger davor, die Kleinspitze zu klein und die Wolfsspitze zu groß zu züchten, um keine Einbußen an Typ und Wesen zu erleiden. Dem wurde allgemein beigepflichtet.
Er macht darauf aufmerksam, dass gerade die Zucht der großen schwarzen und weißen Spitze sowohl zahlenmäßig, als auch in der Qualität in den letzten Jahren leider stark zurückgegangen ist und hofft auf Verbesserung der Zucht und Verbreitung. Die Mitglieder der Generalversammlung schließen sich dem an.
1936 werden ins Reichssammelzuchtbuch 780 Deutsche Spitze eingetragen.9
Aus den erhalten gebliebenen Unterlagen möchte ich hier ein paar Zuchtbuchauszüge zu Großspitzen zitieren (die Zahlen hinter den Hunden sind die Zuchtbuch-Nummern, die Hunde in Klammern die Großeltern):
Zuchtbuch Nr. 17 (1936):
F-Wurf vom Lindenhain gew. 25.05.1936
Vater: Lux vom Ravensberg 7652 – graugewolkt
(Fredy am Ziel 2077 graugewolkt – Ala vom Stadtpark 6290 schwarz)
Mutter: Adda Blitz 9997 – weiß
(Hans (Giesecke) 5515 weiß – Lotte Blitz 8082 weiß)
Franz 12463 Rüde wolfsfarben
Fredy 12464 Rüde schwarz
1937 werden ins Reichssammelzuchtbuch 1.000 Deutsche Spitze eingetragen.10
Auch in der kleineren Spitzwelt ging es bunt zu: Zuchtbuchauszug von 1937 (Wurfstatistik):

Wolfsspitze 63 , 34
Großspitze schwarz 6 , 2
Großspitze weiß 4 , 4
Kleinspitze schwarz 76 , 75
Kleinspitze weiß 149 , 167
Kleinspitze braun 26 , 23
Kleinspitze sandfarbig 1 , 1
Kleinspitze blaufuchsfarben 0 , 2
Kleinspitze schwarz-weiß Schecke 2 , 4
Kleinspitze graugewolkt 0 , 1
Kleinspitze blaugrau 2 , 0
Kleinspitze stahlblau 1 , 1
Kleinspitze mausgrau 1 , 1
Kleinspitze goldorange 1 , 3
Man beachte besonders die vielen blauen Farbschläge! Und in anderen Zuchtbüchern sind auch noch weitere Farbschläge zu finden.
Dass es mit diesen Hunden Probleme gab, war schon sehr früh bekannt – aber immer wieder unter den Teppich gekehrt worden!

Nachdem Hermann Göring zu Beginn des Jahres 1937 in seiner Eigenschaft als „Reichsjägermeister“ 19 Fachschaften für Jagdhunde aus dem RDH ausgegliedert hatte, die 21 verschiedene Rassen betreuten, verlor der RDH seine Stellung als mitgliederstärkstes Mitglied der FCI und der Reichsverband RDH wurde zur Reichsfachgruppe RDH.
Ich denke, obwohl man in der damaligen Ideologie definitiv den höchsten Stellenwert Hunden wie dem Schäferhund oder auch Doggen zumaß, kam der Spitz da nicht allzu schlecht weg, weil man ihn als urdeutschen Hund und Nachfahren des „Pfahlbauspitzes“ ansah (und das beharrliche „Kleben“ an diesem Bild bis in die aktuelle Zeit lässt durchaus noch andere Assoziationen zu neben Faulheit und mangelnder Bildung . . .).
Das Ausstellungswesen geht mit zahlreichen kleineren Ausstellungen munter weiter – wenn auch mit einer anderen Geisteshaltung und Zielrichtung . . .

Hier – für Interessierte – , um vielleicht die Sichtweise noch weiter zu verdeutlichen, ebenfalls aus: Hakenkreuzbanner, Groß-Mannheim, Sonntag 16. April 1939 eine ganze Seite zum Thema „. . . Allesfresser mit vorwiegendem Raubtier-Gepräge“, wo mit dem Zaunpfahl nicht nur gewunken, sondern er einem regelrecht um die Ohren gehauen wird – weiterlesen . . .
(Wem das hier zu klein geschrieben ist – findet das Original unter der Bibliografie verlinkt.)12

Natürlich können Hunde-Ausstellungen auch eine ganz nette Freizeitbeschäftigunng sein.
Aber:
Indem man bestimmte (!!!) Rassetier-Ausstellungen zu gesellschaftlichen Großereignissen aufpoliert und mit entsprechender Pressearbeit verbindet, schlägt man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe:
Erstens transplantiert man die gewünschte ideologische Vorstellung zur Bedeutung der Verknüpfung von Rassereinheit und Nutzen für den Einzelnen, aber auch die Allgemeinheit in nahezu alle Köpfe, sodass praktisch jeder zum Experten für Rassezucht, aber auch Rassenschande, erklärt wird, wodurch nicht nur Besitzer, sondern erst recht Züchter rassereiner Tiere besondere Anerkennung erfahren – Stolz als Triebfeder hat zu allen Zeiten gut funktioniert!

Ferdinand Kirnberger
Für diejenigen, die kein Sütterlin mehr lesen können:
„Des Bauern Welt ist Hof und Acker,
die Arbeit hält ihn stark und wacker.”
„Nichts schmeckt zum Brot so gut wie Butter,
nehmt nicht zu viel meint unser Mutter.”

Zweitens wird die Produktionszahl der erwünschten Tiere gesteigert, weil nun all diese neuen Fachleute ihre Expertise unter Beweis stellen und an dem Erfolgsmodell partizipieren wollen.
Auch Geflügel- und Karnickelzüchter fallen unter diese Rubrik, denn durch ihre Aktivitäten ließen sich die gerade in Kriegszeiten zwangsläufig auftretenden Mängel beispielsweise der Ernährung zumindest teilweise und über einen gewissen Zeitraum überbrücken oder kompensieren. Trotz frühzeitig etablierten Gefühls von solidarischer Volksgemeinschaft durch sonntägliches „Eintopfessen mit Adolf“ . . .
Züchter von Katzen und Zierfischen hatten da schon eher das Nachsehen.

Ab April des Jahres 1939 findet eine erneute Umstrukturierung des Rassehundewesens statt. Die Gebrauchshunderassen werden aus der Organisation der Kleintierzüchter ausgegliedert und der SA unterstellt, wo sie im Rahmen der Kriegsvorbereitungen nach Dienst-, bzw. Truppentauglichkeit gemustert werden. Dadurch bedingt fallen weitere Ausstellungen selbstverständlich erst einmal aus. Insgesamt werden rd. 16 Tausend Hunde gemustert, von denen rd. 22 – 23% der anerkannten Gebrauchshunderassen und etwa 10 % der Mischlinge – insgesamt 18,8 % der Hunde – für diensttauglich befunden werden. Wie aus dem oben abgebildeten Futtermittelschein aus dem Jahr 1942 hervorgeht, gab es für Rassehunde und die diensttauglich gemusterten Hunde der Wehrmacht Extra-Rationen.
1941 tritt die RDH aus der FCI aus und wird der SS unterstellt. Ausstellungen sind zwar wieder erlaubt, aber nur unter der Voraussetzung, dass der Anreiseweg der teilnehmenden Aussteller weniger als 50 km beträgt, weil man natürlich mit Ressourcen wie Benzin sparsam umgehen muss und darüber hinaus die Reihen der Heimatfront geschlossen und einsatzbereit bleiben sollen.
Im Zuge der Kriegsführung wird so Manches knapp in Deutschland und so fallen zwei schöne Denkmäler der Kriegspolitik zum Opfer und werden als „Metall-Spende“ eingeschmolzen. (Bei genauer Betrachtung aber dennoch sicherlich das Harmloseste, was da so eingeschmolzen wurde . . .)

eingeschmolzen im 2. Weltkrieg

Bundesarchiv Bild 183 0312 501,
eingeschmolzen
Die „Produktionssteigerung“ lässt sich bei den Spitzen zahlenmäßig durch die Eintragungen ins Zuchtbuch belegen:
- 1936: 780 Eintragungen
- 1937: 1.000 Eintragungen
- 1938: 1.000 Eintragungen13
- 1942: 1.900 Eintragungen.14
- 1944: 2.500 Eintragungen (DDS Nr.131, ebenda)
Das sind mal ansteigende Zuchtzahlen, die sich sehen lassen können!!!


(Ostpreußen), 1944
Bildarchiv Ostpreussen, © Walter Klink
Die allgemein (!!!) ansteigenden Zuchtzahlen für den Deutschen Spitz dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es speziell bei den Großspitzen Probleme gab:
Der Reichsobmann der Fachschaft für Deutsche Spitze, Dr. Manger, macht in den Veröffentlichungen des Zuchtbuchamtes („Der Hund“ ist das Zentralorgan der Fachschaft!) darauf aufmerksam, dass aus Wolfsspitzverpaarungen gefallene schwarze Großspitze mit grauen Läufen und Rute dringend zur Erweiterung der genetischen Basis der schwarzen und weißen Großspitze, sowie bereits ausgestorbener Farbschläge der Großspitze benötigt werden und man sie keinesfalls aus der Zucht ausschließen dürfe, zumal sie den übrigen Großspitzen in jeder Hinsicht ebenbürtig sind.
Zur besseren Lesbarkeit: Wenn man auf „webp“ oder „pdf“ klickt, wird es in einem gesonderten Fenster noch größer geöffnet!
1939 bis 1945: Im 2.Weltkrieg gehen viele Vereinsunterlagen verloren oder werden vernichtet.
Honi soit qui mal y pense!
Bibliografie
Die Angaben mit vorangestellter Jahreszahl beziehen sich auf wissenschaftliche Publikationen, die mit vorangestelltem Namen des Autors/der Autoren/Herausgebers auf Bücher und sind unter dem jeweiligen Link zu finden. (Sofern sie nicht ausschließlich käuflich zu erwerben sind!)
Diese und weitere Literatur finden Sie unter: Deutscher Spitz – Info-Zentrum
- Zelinger, Amir, Menschen und Haustiere im Deutschen Kaiserreich: Eine Beziehungsgeschichte. 2018 transcript Verlag, Bielefeld, PDF-ISBN978-3-8394-3935-7, S. 269 ff (4. Das rassifizierte Haustier. Hundezucht und -inklusion) ↩︎
- 1937 Fachschaft für deutsche Spitze, Der Deutsche Spitz in Wort und Bild, 3. Auflage, Kap. XIV: Zucht und Aufzucht des Spitzes, S. 58f ↩︎
- Neueste Zeitung Jg. 3 (28.8.1933) 28.08.1933 ↩︎
- Hakenkreuzbanner. 1931-1943 4 (1934) 185 (22.4.1934) Sonntag-Ausgabe ↩︎
- Dienstag-Morgenblatt der Frankfurter Zeitung Nummer 206 (Dienstag, 22. April 1935), S. 2 ↩︎
- 1937 Fachschaft für deutsche Spitze, Der Deutsche Spitz in Wort und Bild, 3. Auflage, S. 66 ↩︎
- »Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.« – Bertolt Brecht: Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui ↩︎
- Frankfurter Zeitung und Handelsblatt Jg. 79 (30.6.1935). 79. Jg. = 21. Juli 1934 – 20. Juli 1935 H. Nr. . Zweites Morgenblatt ↩︎
- 1937 Fachschaft für deutsche Spitze, Der Deutsche Spitz in Wort und Bild, 3. Auflage, Kap. XX: Die Fachschaftsgeschichte, S. 77ff ↩︎
- 1937 Fachschaft für deutsche Spitze, Der Deutsche Spitz in Wort und Bild, 3. Auflage, Kap. XX: Die Fachschaftsgeschichte, S. 77ff ↩︎
- Hakenkreuzbanner, Groß-Mannheim, Montag 16. April 1939 ↩︎
- Hakenkreuzbanner, Groß-Mannheim, Montag 16. April 1939 ↩︎
- Der Deutsche Spitz Nr. 131, 1991, S. 16 ↩︎
- Der Deutsche Tierschutz Jg. 1 (November 1943) H. 2 ↩︎

