4. Der Spitz am Übergang zur Moderne – Immer ein Ass im Ärmel! III

Inhalt

Bibliografie

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Geschichte der Spitze

4.3 Die Welt im Umbruch

Die Geschichte des Hundes – und damit natürlich auch, oder sogar gerade die unseres Spitzes – ist mit der des Menschen vielfältig und eng verwoben. Und so kommt man nicht umhin, ins eigene Geschichtsbuch zu sehen, wenn man verstehen will, welche verschiedenen Entwicklungen ihre Zucht beeinflusst haben.

Mit der etwa im 17. Jh. einsetzenden Bewegung der Aufklärung versuchte man die Welt zu verstehen und zu kategorisieren – gut zu sehen bei Buffon oder Carl v. Linné, aber auch im weiteren Verlauf. Klimatisch befand sich Europa am Ende der sog. „kleinen Eiszeit“, die viel Armut über die Bevölkerung gebracht und nun, mit der einsetzenden Industrialisierung zu einer Verschärfung sozialer Widersprüche führte, die in Kombination mit den Gedanken und Ideen der Aufklärung zur Französischen Revolution mit vielen Reformierungen geführt hatte und zunehmende, phasenweise drastische Auswanderungswellen auslöste, die noch bis zum Beginn des 20. Jh. anhielten und aus den verschiedensten alten Zeitungen und Zeitschriften wie der „Gartenlaube“ oder der Leipziger, Berliner und anderen „Illustrierten Zeitungen“ oder auch einzelnen Flugschriften sehr gut nachvollziehbar sind.

Ein Lied aus dieser Zeit: Ein stolzes Schiff . . . (Zupfgeigenhansel)

Im Zuge dieser Auswanderungswellen infolge vieler Glaubenskriege, vordringlich aber Armut und Hunger, gelangten ab etwa 1790 die Spitze mit ihren Besitzern in alle Welt.

Gerade, wenn man noch nicht genau weiß, welche Herausforderungen in dieser neuen unbekannten Welt auf einen warten – mit einem so guten Wachhund zum Schutz der wenigen mitgenommenen Habseligkeiten und vor allem anpassungsfähigen und vielseitigen Begleiter an seiner Seite ist man gut gewappnet! Ratten und Mäuse, von denen sich der bekanntermaßen genügsame Spitz teilweise ernähren konnte, gab es auf den Schiffen in damaliger Zeit mehr als reichlich.

Allein während der zweiten großen Auswanderungswelle in die heutige USA verließen im gesamten 19. Jh. rd. 32 Mio. Menschen Europa mit dem Ziel Amerika, weitere etwa 20 Mio. in andere Teile der Welt.

Zwischen 1805 und 1834 wurden in Hamburg rd. 5 Mio. Emigranten aus Deutschland und umgebenden Ländern registriert – zwischen 1850 und 1870 etwa 2 Mio. Deutsche.

Angesichts solcher Auswandererzahlen insbesondere nach Amerika, ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich gerade dort eine besonders große Zahl von Spitzen einfand, die selbstverständlich auch weiter gezüchtet wurden.

Im Rahmen des britischen Kolonialismus wurden schwerpunktmäßig zwischen 1850 und 1870 von den Briten, teilweise aber auch über die involvierten niederländischen Ost- und West-Indienkompanien, die ihre Arbeitskräfte aus den Niederlanden und Deutschland rekrutierten, große Spitze nach Indien mitgenommen.

Und:

Egal, wohin sein Weg ihn auch führte – in aller Welt hat der Spitz Karriere gemacht!

4.4. Auf der Karrierreleiter steil nach oben . . .

Durch seine Gelehrigkeit und Verspieltheit hat sich der kleine Spitz auch in die Salons nicht nur der feinen Damen, sondern auch Herren eingeschlichen, wo er als „Pommer“ die Herzen im Sturm eroberte. Denn so entschlossen der Spitz auch als Wachhund ist, so charmant kann er auch jeden um seine Pfote wickeln. Doch Vorsicht! Sein Charme ist Mittel zum Zweck. Denn was er nicht mit Charme erreicht, das holt er sich auf anderen Wegen. Notfalls stibitzt er auch, was er haben möchte. Nicht umsonst verhaut die Witwe Bolte bei Wilhelm Busch zuerst einmal den Spitz! Nach fast vierzigjähriger Haltung von Spitzen bin ich mir sicher, dass mindestens die Hälfte der geklauten Hühner auf das Konto des Spitzes gehen.

Und wenn ich schreibe „Doch Vorsicht! Sein Charme ist Mittel zum Zweck.“, dann meine ich das mit aller Konsequenz, weil dieser Hund, dem vom Adel das Jagen nicht gestattet wurde, einfach beim Adel einzieht und sich den Braten auf dem Silbertablett servieren lässt!!!

Warum sollte er sich denn eine Pfote abhacken lassen, wenn er die Menschen doch dazu bringen kann, sich sogar darüber zu freuen, wenn sie ihm die gebratenen Täubchen in die Schnute schieben dürfen?

Etwa zur Mitte des 18. Jahrhunderts wurden die ersten kleinen Spitze nach England ausgeführt und dort von der aus Mecklenburg stammenden Königin Sophie Charlotte zu Mecklenburg-Strelitz, Ehegattin von König George III 1767 an den Earl of Harcourt, der ihren Ehevertrag ausgehandelt hatte, verschenkt.

Ihre Enkelin, Königin Victoria und Edward VII wurden von ihren Spitzen auf Schritt und Tritt begleitet und so anvancierte der kleine Kerl schnell zum Liebling der damaligen High-Society, der nun als Pomeranian bezeichnet wurde. Wie auf dem Foto jedoch zweifelsfrei ersichtlich, war dieser Hund allerdings deutlich größer als der heute so bezeichnete Zwergspitz!

Viele von ihnen waren übrigens Volpinos!

Man hat zur damaligen Zeit nämlich keineswegs so deutlich zwischen dem kleinen Deutschen Spitz und dem Volpino italiano unterschieden! Und darum muss der heutige Pomeranian im Grunde als Ergebnis einer Vermischung dieser beiden Spitz-Arten gesehen werden!

Irgendeine Ähnlichkeit mit explodierten Sofakissen hatte allerdings keine dieser beiden Hunderassen!

Und so ward der Siegeszug des Spitzengeschlechts nicht mehr zu bremsen, sondern die raffinierten Charmeure bahnten sich vom Misthaufen, Planwagen und Kahn ihren Weg in die Welt der Reichen und Schönen:

Schauspieler, Operdiven, Maler, Gelehrte, Geistliche fielen ihnen reihenweise zu Füßen (oder Pfoten?), sie flanierten wie selbstverständlich durch die europäischen Fürstenhäuser und infizierten mit dem „Spitz-Virus“, wer auch immer ihnen vor ihre vorwitzige Nase lief: das englische Königspaar, Prinzessin Ludovika von Bayern, das deutsche Kronprinzenpaar – diese Liste ließe sich noch lang lang fortsetzen…

Ein bisschen Humor und die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen, sollte man also schon mitbringen, wenn man sich so einen raffinierten Kerl ins Haus holt!

Wie man sieht, waren zu dieser Zeit Porzellanpfeifen sehr beliebt und so finden wir auch dieses hübsche Stück:

4.5. Der Spitz wird standardisiert!

Im viktorianischen England begann die Ära der systematischen Rassehundezucht im heutigen Sinne mit Idealvorstellungen bestimmter Hunde-Varietäten, die dann als Typus in einem Rassestandard niedergelegt wurden (2024 Proschowsky, Helle Friis et al.1).

Dabei wurde mit zunehmender Tendenz das Aussehen eines Tieres als Kriterium, bzw. Ergebnis bestimmter Arbeitsfunktionen wahrgenommen und schließlich auch stellvertretend dafür bewertet, so dass die Tiere entsprechend in ersten Ausstellungen nur nach ihrem Aussehen beurteilt wurden.

Da die Industrialisierung, zumindest für Teile der aufstrebenden Mittelschicht immer mehr Raum für Hobbies und Selbstverwirklichung ließ, wurde die Mensch-Hund-Beziehung immer stärker sentimentalisiert (2009 Wolf, Katja H.2) , aber auch instrumentalisiert, denn sie bot darüber hinaus ideale Möglichkeiten, den eigenen neuen Status zu betonen und zu demonstrieren.

Gleichzeitig entwickelte sich ein anwachsender wissenschaftlicher Zeitgeist zum Verständnis und der systematischen Kategorisierung der Welt (viele Forschungsreisen, z. B. Humboldt etc.!) und die Entwicklung der Mobilität (Eisenbahn) eröffnete bessere Voraussetzungen zum Abhalten überregionaler Hundeschauen.

Im Jahr 1836 schrieben Heinrich Gottlieb Ludwig Reichenbach mit „Der Hund in seinen Haupt- und Neben-Raçen“3 und 1852 William Youatt mit „The Dog“4 erste ausführlichere Werke zum Hund, 1859 gefolgt von John Henry Walsh mit „The Dog in Health and Disease“ (hier in einer etwas späteren Version von 18795 verlinkt), einem weiteren umfassenden Werk über Hunderassen und ihre Standards. Zeitgleich fanden erste moderne Hundeausstellungen (ab 1859) statt, zunächst nur für einzelne – zunehmend aber für weitere Hunderassen, was schließlich 1873 zur Gründung des Kennel Clubs führte mit Sewallis Shirley als erstem Präsidenten, der grundlegende Prinzipien der Ausstellungsbewertung etablierte.

Da nun das Aussehen immer mehr in den Mittelpunkt rückte, begann man verstärkt, eigene Hunderassen „zu entwerfen“, wie beispielsweise den Papillon.

So wurde der mittlerweile gezüchtete kleine Pommer bereits ungefähr ab dem 18. Jahrhundert häufig in die Rasse der Zwergspaniel eingekreuzt. Aus dieser Kombination entstand schließlich der auch heute noch recht beliebte Papillon, dem der kleine Spitz all seinen Mut, sein Temperament, seine Wachsamkeit und Liebe zur Mäusejagd in die Wiege legte. (In früheren Zeiten waren Mäuse eigentlich in allen, auch den feinsten, Häusern Stammgäste!) Gelegentlich ist es schon vorgekommen, dass aus einer reinrassigen Zwergspitz-Zucht Papillons entstanden sind und umgekehrt – Oops!

Auch in viele andere Hunderassen ging der Spitz ein oder die ganze Rasse geht auf die Spitze zurück, z.B. Sheltie, Welsh Corgis usw.

Während sich die Hundezucht allgemein, vor Allem in Großbritannien und Frankreich, aber auch in den USA rasant entwickelte, wurden dort auch gerade die kleineren Spitze vielfach ausgestellt, prämiert, in Hundesalons verwöhnt und avancierten bald zu beliebten Werbeträgern, beispielsweise für deutsches Bier!

Allergrößter Beliebtheit erfreuten sich auch Lithophanien, eine besondere Form meist durchleuchteter Porzellanbilder, auf denen man den Spitz gern verewigte und viele weitere Accessoires – schließlich wollte man den tollen kleinen Kerl ja immer bei sich haben!

In seinem eigentlichen Heimatland Deutschland dagegen befand sich die Spitzzucht noch im Dornröschenschlaf.

Nicht, dass er etwa hierzulande nicht ebenfalls viele Freunde gehabt hätte – davon zeugen unzählige Bilder und andere Arbeiten. Aber er war eben nur allzu alltäglich, und . . .

Wer, um Himmels Willen, kommt auf die Idee, so einen Allerweltshund wie den „Spitz“ auszustellen?

So ist es halt:

Was immer da und alltäglich ist, wird selten beachtet und geschätzt. Seinen Wert erkennen viele erst, wenn es plötzlich nicht mehr da ist!

Oder, wenn Andere darauf aufmerksam machen!

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Bibliografie

Die Angaben mit vorangestellter Jahreszahl beziehen sich auf wissenschaftliche Publikationen, die mit vorangestelltem Namen des Autors/der Autoren/Herausgebers auf Bücher und sind unter dem jeweiligen Link zu finden. (Sofern sie nicht ausschließlich käuflich zu erwerben sind!)

Diese und weitere Literatur finden Sie unter: Deutscher Spitz – Info-Zentrum

  1. 2024 Proschowsky, Helle Friis et al., A new future for dog breeding ↩︎
  2. 2009 Wolf, Katja H., „Wir sind einander so vertraut.” – Die Sentimentalisierung der Beziehung , zum Rassehund im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert ↩︎
  3. Reichenbach, Heinrich Gottlieb Ludwig, Der Hund in seinen Haupt- und Neben-Raçen, 1836 (z. Zt. nicht mehr verfügbar) ↩︎
  4. Youatt, William, The Dog, 1852 ↩︎
  5. Walsh, John Henry (Pseudonym Stonehenge), The Dog in Health and Disease. 1879 ↩︎