Inhalt
2.1. Hunde der Eisenzeit
2.2. Der Spitz und die klassische Antike
2.3. Die große Wanderung
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2.1. Hunde der Eisenzeit
Den besten Überblick zur Verteilung antiker Hundetypen und -rassen liefert uns Joris Peters Arbeit „Der Hund in der Antike aus archäozoologischer Sicht“1, in der explizit (vor)römerzeitliche, also eisenzeitliche Hundeknochen aus den westlichen Rhein-Donau-Provinzen analysiert werden.
Nicht völlig unproblematisch an dieser Arbeit erscheint auf den ersten Blick dabei ihr Bezug auf Otto Keller und die von ihm getroffenen Feststellungen zum sog. Melitäer und dessen Verbreitung während der klassischen Antike. Da diese Aussagen jedoch ausschließlich die Abgrenzung des Melitäers innerhalb der Gruppe der in der Antike im Mittelmeerraum verbreiteten Hunde betreffen, wird dadurch nicht die Einordnung der von Peters bearbeiteten Funde gegenüber den Hunden der Levante als Gesamtheit beeinträchtigt.
Joris Peters belegt in ihrer Arbeit unmissverständlich, dass es nördlich der Alpen eine Vielzahl regionaler, meist mittelgroßer, Gebrauchs-Hunderassen gab, die in dieser Arbeit den Mittelspitzen zugerechnet werden, sowie einige (!) Hunde römischen Ursprungs. Dabei muss man im Hinterkopf haben, dass die heutigen Mittelspitze und Großspitze ursprünglich als Arbeitshunde eine einzige und nicht zwei Gruppen bildeten, deren optimale Größe zwischen 30 und 40 cm Schulterhöhe betrug! Die mehr oder weniger künstliche Trennung dieses Größenschlags erfolgte erst zur Mitte des 20. Jh. (!!!) durch die vereinsmäßige Zucht – bis dahin waren die Größenübergänge innerhalb dieser Hundegruppe fließend.
Während der Eisenzeit galten die kulturell hoch entwickelten Kelten als begnadete Hundezüchter, die diverse Kriegs- aber auch Jagdhunde, z. B. die Keltenbracke züchteten, auf die viele der heutigen Laufhunderassen zurückgeführt werden und für die der Hund ein wichtiges, hoch angesehenes und besonders geschütztes Kulturgut war. Die von ihnen gezüchteten Wachhunde waren gefürchtet und es ist bekannt, dass sie dabei eine besondere Vorliebe für sehr dunkle bis schwarze Hunde hatten, mit der sie auch die spätere römische Hundehaltung und -zucht von Wachhunden beeinflussten.
Neben späteren Abbildungen spitzartiger Hunde finden sich Abbildungen des. sog. „Keltenhundes“, oft als Schnitzereien, auf dem Boden von Hochzeitstruhen, manchmal ergänzt durch weitere im Bereich des Deckels oder Verschlussmechanismus‘. Diese wurden als Hochzeitsgabe der Braut mitgegeben (die Mitgift) und enthielten neben kostbaren Stoffen meist Schmuck und andere Werte, die auf diese Weise symbolisch geschützt werden sollten.
Auf diesen alten Brauch weist noch heute der Ausspruch hin, dass jemand „auf den Hund gekommen“ sei, womit gemeint war, dass der Besitzer der Truhe seine finanziellen Rücklagen so weit aufgebraucht hatte, dass der auf dem Boden der Truhe angebrachte Hund sichtbar wurde.



(Quelle: Wikipedia)
Die Kelten als solche bildeten keine geschlossene Volksgemeinschaft, sondern wir fassen heute unter diesem Begriff viele verschiedene Volksgruppen zusammen, die untereinander lediglich ihre sprachlichen Wurzeln teilten und diverse kulturelle Übereinstimmungen aufwiesen, als einzelne Volkgruppen untereinander jedoch keineswegs unbedingt immer eine harmonische Beziehung hatten. Geographisch siedelten sie zwischen den sich entwickelnden römischen Kulturen des Mittelmeerraumes und den Germanen – also genau im von Joris Peters untersuchten Siedlungsraum. Sie vollzogen verschiedene Wanderungen, deren zeitlicher Ablauf der nebenstehenden Abbildung entnommen werden kann (Anklicken aktiviert die Grafik!). Gleichzeitig unterhielten keltische Völker weitreichende Handelsbeziehungen innerhalb Europas, wobei auch die von ihnen gezüchteten Hunde ein gefragtes Handelsgut waren.

Nationales Geschichts- und Archäologiemuseum Constanţa, Rumänien


Aufgrund der von Peters ausgewerteten Funde ist davon auszugehen, dass die von den keltischen Völkern betriebene Hundezucht schwerpunktmäßig auf den nördlich der Alpen lokalisierten regionalen Hunden aufbaute, wobei es – entsprechend der Fundlage – aufgrund der florierenden Handelsbeziehungen der Kelten (insbesondere der später ins römische Reich eingegliederten Noriker) zum Mittelmeerraum sicherlich auch in sehr begrenztem Umfang Einkreuzungen dortiger – levantinischer – Hunde gegeben haben wird. Sie exportierten also zwar ihre eigenen Hunderassen, importierten aber nur in sehr geringem Ausmaß.
Dadurch bedingt ist im Wesentlichen der nördlich der Alpen verbreitete etwas größe Hundetypus des Arbeitshundes während der klassischen Antike relativ stabil und von römischen Einflüssen unabhängig erhalten geblieben. Dieser aber geht, wie in Kapitel 4.1 noch weiter erläutert werden wird, schwerpunktmäßig auf eine bereits während der Bronzezeit (!!!) entstandene Mischpopulation der alten Federmesserhunde mit westlichen Ausläufern einer eurasischen Steppenhundepopulation zurück, deren Genome noch heute nicht nur bei den Hunden beispielseise in Rumänien (siehe oben abgebildetes Kinderspielzeug aus Rumänien und nebenstehende Abbildung des Begleithundes eines wallachischen Fuhrwerks), sondern auch bei den übrigen, westeuropäischen Haushunden nachweisbar sind, also kontiuierlich vorhanden waren und sind, wie aus einer 2017 veröffentlichten Studie von Botigue et al.3 hervorgeht.

kl. Grabbeigabe aus Glas in einem keltischen Grab aus der späten La-Tène-Zeit, 2. Jh. v. Chr., © Landesmuseum Mainz

Bild von Johann Adam Klein (1792 – 1875)
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2.2. Der Spitz und die klassische Antike
Zur Erklärung der Herkunft unseres Spitzes wird gerade der sog. Melitäer besonders gern und häufig herangezogen.
Das hat im Wesentlichen zwei Gründe.
Zum Einen wird dabei der Fehler gemacht, die reine Anzahl und den Erhaltungsgrad von Fundstücken mit deren Ausmaß an geschichtlicher Bedeutung gleichzusetzen.
Dabei wird übersehen, dass die griechisch-römische, ebenso wie auch die ägyptische Kultur inkl. der zeitlich dazugehörigen Funde lediglich eine der am besten untersuchten und beforschten Kulturen ist, weil die klimatischen Verhältnisse in diesem geographischen Bereich für die Erhaltung von Artefakten günstiger sind als in anderen Bereichen, was zur Folge hat, dass die Anzahl der Fundstücke zahlreicher ist und zusätzlich durch eine Vielzahl schriftlicher Quellen bereichert werden, an denen es in anderen Kulturen leider gravierend mangelt.
Die reine Anzahl von Fundstücken ist also keineswegs gleichzusetzen mit ihrem Ausmaß an Bedeutung, weil sie auf Ursachen beruht, die unabhängig von der tatsächlichen Bedeutung sind!
Denn gleichzeitig muss beachtet werden, dass es zumindest z. Zt. in der Levante, bzw. dem arabischen Bereich keine mit den europäischen Funden vergleichbaren frühneolithischen Fundplätze gibt, sondern die frühesten bekannten Hundeskelettreste stammen aus dem vierten Jahrtausend v. Chr. im Jemen (Jebel Qutran) und sind damit deutlich jünger!4
Der zweite Grund ist einfach eine nicht korrigierte, fehlerhafte Einordnung des Melitäers an sich:
Der Melitäer – Malteser, Malteser-Spitz oder Spitz?
Der Melitäer war sowohl in Ägypten als auch im gesamten griechisch-römischen Mittelmeerraum eine beliebte und sehr verbreitete Schoßhunderasse von etwa der Größe eines heutigen Zwergspitzes. Anders, als aufgrund seines Rassenamens meist vermutet wird, lässt sich seine Herkunft keineswegs pauschal mit der Insel Malta in Verbindung bringen. Vielmehr leitet sich der Name vermutlich von dem semitischen Wort „màlat“ ab und bedeutet so viel wie „Zuflucht“ oder „Hafen“. In vielen Ortsbezeichnungen des Mittelmeerraums findet man diese Wortwurzel wieder, z. B. bei der südöstlich von Korfu gelegenen Insel Melitaea (heute Mljet) oder eben auch bei der Insel Malta.
Melitäer finden bereits bei Aristoteles (384-322 v.Chr.) in dessen zoologischer Schrift ‚Historia animalium‘ (Περὶ τὰ ζῷα ἱστορίαι – „Tierkunde“) unter dem lateinischen Namen „canes malitenses“ Erwähnung und galten als ausgesprochen temperamentvoll, gelehrig und unterhaltsam. Abgesehen von seiner Größe wird über sein Aussehen von den antiken Autoren allerdings so gut wie nichts überliefert.
Die Bezeichnung Melitäer für einen spitzartig aussehenden Hund geht vermutlich auf eine unklare und fehlerhafte Interpretation Leopold Schmidts in seiner 1852 erschienenen Veröffentlichung „Mendico“ zur heute verschollenen sog. Berliner Amphora zurück, die aber in späteren Veröffentlichungen anderer Autoren weder hinterfragt, noch korrigiert wurden, obwohl die Größe des abgebildeten Hundes ganz offensichtlich nicht den schriftlichen Überlieferungen entspricht. Stattdessen wurde die Bezeichnung „Melitäer“ auch von späteren Autoren wie Otto Keller (1909 Keller, Otto, Die antike Tierwelt) usw. übernommen und synonym für alle spitzartig aussehenden Hunde verwandt.5
So lassen sich zwar nach Autengruber-Thüry in der Antike bestimmte regional verbreitete Hunderassen zuordnen, diese entsprechen aber keineswegs unserem heutigen Verständnis des Rassehundes mit relativ einheitlichem Erscheinungsbild.

Aus: Autengruber-Thüry 2021 (ebenda), S. 11, © Antikensammlung, Staatliche Museen zu Berlin – Preussischer Kulturbesitz. Foto: Archiv

Bronzemünze (Revers) aus Etrurien. – Sammlung Imhoof
Wenn wir nun den Spuren unserer Spitze folgen wollen, bedeutet dies allerdings in erster Linie nur, dass die ohnehin sehr spärlichen, schriftlichen Überlieferungen zum sog. Melitäer sich nicht zwangsläufig auch auf den größeren bildlich dargestellten spitzartigen Hund beziehen müssen. Da allerdings der Begriff der Hunderasse in der Antike erheblich weiter gefasst war, kann man es auch nicht ausschließen.
Trotz fehlerhafter Zuordnung des sog. Melitäers lässt sich jedoch anhand der Abbildungen und Abbildungs-Zusammenhänge das Bild spitzartig aussehender Hunde unterschiedlicher, meist kleiner oder mittlerer, Größe rekonstruieren, deren Aufgabenbereich als Haus- und Hofhund definiert war und Bewachung und Schutz des Hauses und dessen Bewohner, sowie die Kontrolle von Schädlingen, wie z. B. Mäusen, Ratten und ähnlichem Getier (auch in Lagerhäusern) umfasste. Ihre Erscheinungsform konnte darüber hinaus von kurzbeinigen Hunden mit relativ stumpfem Fang bis zu quadratischen Hunden mit spitz zulaufendem Fang variieren.
Im südlich der Alpen gelegenen Mittelmeerraum, sowie in Ägypten bildete diese Gruppe der spitzartigen Hunde eine der ältesten nachgewiesenen Gruppen, wie uns eine Vielzahl antiker Abbildungen und Figuralen belegen. In Ägypten z. B. finden sich erste Belege bereits ab der 4. Dynastie, dem sog. Alten Reich (ca. 2.640 v. Chr.).

Römerzeitliche Terrakotta aus Ägypten, 2. – 3. Jh. n. Chr., Martin-von-Wagner-Museum, Universität Würzburg, © Christina Kiefer, aus: aus Autengruber-Thüry 20216, S. 158,

attisch-rotfigurig, ca. 430 – 425. v. Chr., © Glyptothek, München, Kat.-Nr. 261

Votiv-Terrakotte griech.-röm. Zeit, Ägypten
Relativ wenig bekannt in diesem Zusammenhang ist allerdings wohl die Tatsache, dass speziell der Melitäer bestimmte religiöse Vorstellungen und Werte verkörperte, die im Kontext mit den ägyptischen Gottheiten Serapis, Isis und Harpokrates standen. Harpokrates war ein gehbehinderter Kindgott, der wegen seiner Gehbehinderung häufig reitend dargestellt wurde und als Verkörperung des „idealen Kindes“ galt. Seine enge Verbindung zu Serapis (Gott der Fruchtbarkeit und Heilkunst; ein Schutzgott) und Isis (Göttin der Unterwelt, Wiedergeburt und Bestandteil vieler Riten des Totenkultes) bildet den religiösen Hintergrund für die Darstellungen des auf einem Melitäer reitenden Harpokrates auf Grabstelen – insbesondere der von Kindern. Auf den meisten Darstellungen sieht er aus wie ein Putto. Genau das ist aber ein vielfacher Grund für Fehlinterpretationen, bei denen eine besondere Beziehung zwischen dem Hund und realen Kindern hergestellt wird, der zwar nicht abwegig, aber auch nicht zwangsläufig vorhanden gewesen sein muss. Die Definition der Aufgabenbereiche des Melitäers (Schutz des Hauses und seiner Bewohner) ist nahezu kongruent zum religiösen Wirkungsspektrum der Göttertriade Harpokrates – Serapis – Isis. Darüber hinaus galt der Hund im Allgemeinen als wichtiger Begleiter ins Reich der Toten, Symbol für Treue oder auch als Wächter des Grabes.

Abgußsammlung der Skulpturhalle Basel, röm. Arbeit nach hellenistischem Vorbild
Antipatros von Sidon (antiker griech. Epigrammdichter des Meleagros-Kranzes, Ende 2. Jh. bis Anfang 1. Jh. v. Chr. in Rom) überliefert außerdem, dass die Darstellung eines Hundes auf den Grabstelen von Frauen die Fürsorge der Verstorbenen für ihre Kinder symbolisiert hat.
Nicht nur das Verschenken kleiner sog. Fayum-Terrakotten des Melitäers, sondern auch Haltung und Besitz desselben repräsentierte also mehr als nur ein kleines Mitbringsel, Deko-Artikel, Kinderspielzeug oder Grabbeigabe, sondern transportierte gleichzeitig religiöse, gesellschaftliche Werte/Strukturen und manifestierte Machtverhältnisse.7

Apulien ca. 350-340 v. Chr.
Die auffallende Vielzahl von Figurinen und Abbildungen des Melitäers in Häusern, Gräbern und Heiligtümern, sowie auf Gegenständen des täglichen Gebrauchs ist daher nicht einfach nur Ausdruck der Beliebtheit dieses kleinen Hundes, sondern darüber hinaus auch charakteristisch für seine Verwendung als assoziatives Kultsymbol, Grabbeigabe, Wallfahrtsbild, Votivgabe und magisches Objekt zur Bannung böser Mächte.

Attika, 3. Jh. v. Chr., Museo archeologico regionalem Palermo.
Gleichwohl bildete natürlich diese sehr vielschichtige Wahrnehmung des Melitäers in der Antike sicherlich einen der wesentlichen Grundpfeiler für die starke Verbreitung spitzartiger Hunde – wie auch immer sie geheißen haben mögen – in der nachfolgenden Zeit.

römerzeitliche Terrakotta, Ägypten, 1. Hälfte 3. Jh. n. Chr., aus: Autengruber-Thüry 2021 (ebenda), S. 78, © Foto: Akademisches Kunstmuseum Bonn, © Foto: Jutta Schubert

Terrakotta mit der Darstellung einer sich um ihren Wurf kümmernden Hündin mit ihren drei Welpen. Aus: Autengruber-Thüry 2021 (ebenda), S. 82, Fundort und genaue Datierung unklar, Sammlung Fouquet

Terrakotta ,,Welpe mit Schuh‘‘, Achmounéin (ca. 300 km südl. v. Kairo), Aus: Autengruber-Thüry 2021 (ebenda), S. 85 – , keine genaue Datierung, Sammlung Fouquet

rotbrauner, halbmatter Schlicker mit weißer Kruste, Knidos, Türkei, ca. 1.–2. Jh. n. Chr. röm., Brit. Museum
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2.3. Die große Wanderung
Zum Ende der klassischen Antike setzte die sog. Völkerwanderung, ein, die zum Ende des 4. nachchristlichen Jahrhunderts u. A. durch den Einfall der Hunnen ausgelöst wurde und zur Migration vieler germanischer Stämme Richtung Westen und Südwesten führte. Bekanntlich wurden bei solchen Völkerwanderungen immer Nutztiere mitgeführt und somit auch Hunde, die vom Ursprung den im Osten lokalisierten archaischen Steppenhund-Populationen zuzurechnen sind. (Archäogenetische Nachweise dazu im übernächsten Kapitel!)

(Quelle Wikipedia)


Zeichnung von Emile-Antoine Bayard (1837–1891), zur Illustration der Reise von Shanghai nach Moskau
Genau diese archaischen Steppenhund-Populationen bilden allerdings auch den Ursprung für verschiedene spitzartige Hunderassen, die schon sehr früh für den ostasiatischen Raum nachgewiesen sind, wie der nebenstehende Fund einer Statuette aus der frühen Han-Zeit belegt. Sie entwickelten sich, wie man aus dem Cladogramm zur Urgeschichte erkennen kann, bereits vor dem Einfall der Hunnen in Europa und Einsetzen der Völkerwanderung – erst danach kam es zu genetischen Interaktionen.

Walther, Dr. Friedrich Ludwig, Der Hund, 1817, S. 21
Diesen Hund habe ich mir also unter der von ihm angegebenen Literatur8 herausgesucht:
Nicht nur diverse archaische ostasiatische Hunderassen wie der Akita, Jindo usw. lassen sich archäogenetisch inzwischen auf diesen Ursprung zurückführen – gleiches gilt auch für Hunde, wie etwa die im Vergleich spitzartiger Hunde (siehe unten zum Aufklappen) unserem Spitz aus gutem Grund zum Verwechseln ähnliche Jakutische Laika und Andere.
Die bis dahin überwiegend von der keltischen Hundezucht beeinflussten regionalen / lokalen Hunderassen Mittel- und Westeuropas, die Walther unter Punkt a) als Canis germanicus, der Teutsche Stammhund mit der Spielart C. pecuarius, dem Hirtenhund aufführt, werden nun in unterschiedlichem Maße mit den Vertretern der aus dem Osten eingeführten Steppenhunde vermischt, die Hunden wie dem Calmückischen Hund vergleichbar gewesen sein dürften. Daraus entstehen verschiedene Variationen spitzartiger Hunde, die im weiteren Verlauf züchterisch an die jeweiligen Bedürfnisse und Erfordernisse der Bevölkerung, sowie klimatische Bedingungen ihres Verbreitungsgebietes angepasst wurden.
Das unterschiedliche Maß wird beispielsweise am Fell deutlich, denn insbesondere das meist grau gewolkte und tendenziell stärker filzende Fell, das später nur noch bei zwei Rassen des Spitztyps, nämlich dem entlang des Rheingrabens verbreiteten Wolfsspitz und dem grauen Elchhund erhalten geblieben ist, entstammt eindeutig den lokalen mitteleuropäischen Ursprungsrassen und kennzeichnet somit einen geringeren Grad der Durchmischung. Es zeigt signifikante Abweichungen vom Fell aller übrigen Spitz-Rassen nicht nur in der Farbgebung, sondern auch seiner Struktur.
Aus einer dieser Varianten entwickeln sich im weiteren Verlauf die anderen Vertreter des Deutschen Spitzes.
Der große Deutsche Spitz ist also zwar
ein regionaler mittel- und nordeuropäischer Wachhund,
aber mit Einflüssen vom Balkan und der ostasiatischen Steppe!
Aufgrund dieser gemeinsamen Ahnen finden wir heute viele Hunderassen, die mehr oder weniger übereinstimmende optische (!) Merkmale zum Deutschem Spitz aufweisen und diesem – für den Laien – darum häufig zum Verwechseln ähnlich sehen, z. B. Samojedenspitze, Finnenspitze, Schwedische Lapphunde, Islandspitze usw.
Bildvergleiche (Anklicken)








Die züchterischen Anpassungen der Hunde betreffen also primär weniger das Erscheinungsbild (wobei allerdings für die im Nordosten Europas beheimaten Volksgruppen deren besondere Vorliebe für weiße Hunde belegt.ist), sondern manifestieren sich hauptsächlich in den ihnen angezüchteten Arbeitseigenschaften. Sekundär haben jedoch – neben klimatischen Verhältnissen – auch die Arbeitseigenschaften Auswirkungen auf Aussehen und körperliche Konstitution der Hunde:
Ein Samojedenspitz, der als Schlitten- und Jagdhund eingesetzt wird und dabei nicht selten schwere Lasten, auch über weite Strecken zu transportieren hat, muss zwangsläufig körperlich anders aufgestellt sein als ein Vogeljäger wie der Finnenspitz oder ein Hofwächter, wie beispielsweise der Wolfsspitz, der üblicherweise keine sehr großen Entfernungen zurücklegen muss.
Welche Eigenschaften brachten die Hunde der Steppenhund-Population mit und worin bestanden die lokalen Anpassungen?
Die mitgebrachten Eigenschaften der Hunde resultierten aus ihrer Verwendung einerseits z. B. als Schlittenhunde und andererseits aus ihrem Einsatz im Rahmen halbnomadischen bis nomadischen Pastoralismus‘ (siehe oben: Calmückischer Hund!), der in unterschiedlicher Ausprägung mit Jagd verbunden war – teilweise vergleichbar den Entwicklungen, die wir schon in der Urgeschichte bei der Ahrensburger Kultur gesehen haben.
Unter halbnomadischem bis nomadischen Pastoralismus versteht man eine Weidehaltung auf nicht eingezäunten Gebieten, bei denen die Besitzer, meist saisonal, mit ihren Tieren die natürlich vorhandenen Weidegründe wechseln. Kennzeichnend für den Halbnomadismus ist, dass die Weidewirtschaft nur von einem Teil der Familie betrieben wird, während ein anderer Teil sesshaft ist und z. B. Feldwirtschaft betreibt. Diese Lebensweise war klassischerweise insbesondere in sehr weitläufigen sog. Kaltsteppen mit geringer Populationsdichte wie den russischen Tundren sehr verbreitet und wir finden sie z. T. noch heute bei manchen mongolischen Völkern erhalten. Der sog. Rentier-Pastoralismus, wie er vor allem im skandinavischen Raum – Lappland – verbreitet war gehört dazu. Heutzutage ist diese Lebensweise in Nordeuropa nicht mehr in vollständig ausgeprägter Form (Voll-Nomadismus) zu finden, sondern an moderne Lebensweise angepasst und nur noch rudimentär – die Besitzer der Herden haben einen festen Wohnsitz. Weil hierbei als Zugtiere Rentiere eingesetzt wurden, war ein Schlittenhund nicht mehr nötig, sondern stattdessen ein sehr agiler Hund mit Hüte- und Herdenschutzeigenschaften, bzw. Treibhunde (z. B. schwedischer und finnischer Lapphund) Da die Nahrung in niederschlagsreichen Bereichen mit dichterem Bewuchs durch Jagd (z. B. auf Elche oder Bären) ergänzt wurde, mussten die Hunde auch Jagdtrieb haben (Norwegischer Elchhund, Karelischer Bärenhund). Die bereits früh angezüchtete Territorialität dieser Hunde, die eine gute Raubzeugschärfe beinhaltet, war also weiterhin erwünscht bei in unterschiedlicher Ausprägung erhaltenem, aber leicht reduziertem Jagdtrieb. Ebenfalls dieser Wirtschaftsform zuzurechnen ist die isländische Hochweide-Wirtschaft, bei der die Weidetiere (Pferde, Schafe) während des Sommers sich mehr oder weniger selbst überlassen sind und allenfalls in unregelmäßgen Abständen kontrolliert werden, wobei die Hunde (Islandspitz) zum Zusammentreiben der Weidetiere eingesetzt wurden/werden.

aus Illustrirte Zeitung vom 26. Jan. 1850, :S. 53

Im Bereich der Ostseeküste nahm, ausgehend vom Baltikum über die kurische Nehrung bis Pommern von Ost nach West die Bevölkerungsdichte zu und damit verbunden auch Sesshaftigkeit, sowie land-, bzw. feldwirtschaftliche Einflüsse – die Weidetiere waren keine Rentiere, sondern Schafe und auf den Höfen wurde zunehmend Geflügel gehalten. Der halbnomadische bis nomadische Pastoralismus entwickelte sich zur echten Vieh- und Landwirtschaft.
Auf der gesellschaftlichen Ebene konnte sich hier die Aristokratie relativ früh etablieren und Jagdrechte für sich reklamieren, so dass, ebenfalls von Ost nach West zunehmend, zwar Hüte- und Herdenschutzhunde mit ausgeprägter Territorialität und Raubzeugschärfe zur Bewachung der Höfe und zum Schutz vor damals noch sehr verbreiteten Wölfen, sowie Treiben der Schafe benötigt, jagende Hunde jedoch für das einfache Volk nicht nur wegen der Jagdrechte als unerwünscht postuliert wurden, sondern auch bei der Landbevölkerung selbst wegen der mangelnden Geflügelfrömmigkeit nicht sonderlich erwünscht waren. Entsprechend wurde der Jagdtrieb züchterisch immer stärker ausselektiert, was auf der Grundlage des bereits in der Urzeit reduzierten Jagdtriebes verhältnismäßig gut zum Tragen kam (Deutscher Spitz).
Der in früheren Zeiten noch zu findende Pommersche Hütespitz stellt eine Übergangsform zum heutigen Deutschen Spitz dar und war vermutlich an dessen Entstehung beteiligt. Er hatte noch einen längeren Rücken und andere Winkelungen der hinteren Gliedmaßen, aufgrund derer er auch auf langen Viehtrieben, z. B. bei der Wanderschäferei, wesentlich ausdauernder war als ein heutiger Deutscher Spitz es wäre.
Das Endergebnis dieser Entwicklung ist der Deutsche Spitz, der sich durch genau diesen fehlenden Jagdtrieb, stark ausgeprägte Hoftreue und Geflügelfrömmigkeit von den übrigen Vertretern seiner Gruppe unterscheidet.
Deutsche Spitze zeigen allerdings nach wie vor eine ausgeprägte sog. Raubzeugschärfe, die nicht mit Jagdverhalten zu verwechseln ist. Während Jagdverhalten vollkommen frei von Aggression ist (kein Raubtier wäre ja so dämlich, durch Drohverhalten sein eigenes „Mittagessen“ zu verscheuchen), handelt es sich bei der Raubzeugschärfe um Territorialverhalten, das auf die Verteidigung der eigenen Ressourcen (Revier, Futter, Nachkommenschaft usw.) gegenüber anderen Beutegreifern und/oder Nahrungskonkurrenten abzielt und das dabei gezeigte Aggressionsverhalten ist vom Ausmaß der Bedrohung dieser Ressourcen abhängig. Im Normalfall beschränkt es sich auf Drohverhalten!
Dennoch war auch der Deutsche Spitz für Jäger nicht vollkommen uninteressant, da er sich aufgrund seiner enormen Raubzeugschärfe zum Aufstöbern und Stellen von Raubwild natürlich bestens eignet. Aber eben nur und ausschließlich in Bezug auf Raubwild. Im weiteren Sinne gehören auch Wildschweine dazu, die zwar nur selten Schafherden überfallen, aber als Omnivoren fleischliche Kost keineswegs verschmähen und dabei durchaus sehr gefährlich werden können. Im Jahrhundertwinter 1978/79 gab es solche Überfälle z. B. auf dem Darß!!! Dabei bleibt die Aktivität des Spitzes jedoch im Wesentlichen auf das Aufstöbern und Stellen begrenzt – eine echte Verfolgungs- oder Hetzjagd ist ihm aufgrund des ihm angezüchteten Körperbaues (Winkelung der Hinterläufe, kurzer gerader Rücken) und der daraus resultierenden rein schränkenden Gangart nicht möglich! In der unmittelbaren Konfrontation, bzw. innerhalb seines Reviers greift er allerdings auch an – würde dafür aber nicht sein Revier verlassen! Ein ordentlich gezüchteter und aufgezogener Spitz kann über einen Hasen oder ein abgelegtes Kitz stolpern und käme nicht einmal auf die Idee, es zu packen oder ihm nachzusetzen!
Ich selbst habe bei meinen eigenen Hunden immer den allergrößten Wert darauf gelegt und bis auf eine einzige Ausnahme – Banja – ist es mir auch gelungen, nur korrekt gezüchtete Spitze hier zu haben! Und ich bin mächtig stolz darauf, dass die Nachkommen des Kreuzungszucht-Projektes mit dem Österreichischen Landpinscher, der der einzige mir bekannte Hund mit den gleichen Eigenschaften ist und bei dem es, neben der Erweiterung des engen Genpools eben auf die Erhaltung genau dieser (hochgradig erblichen!) Eigenschaft ankam, diese auch allesamt ganz vortrefflich zeigen!

Man könnte den Spitz also im Prinzip als eine Art „kleiner Herdenschutzhund im Home-Office“ betrachten, bei dem aber im Vergleich zu den eigentlichen heutigen Herdenschutzhunden im Laufe der Jahrtausende das Territorialverhalten noch wesentlich (!) weiter abgeschwächt wurde.
Diese Parallele wird besonders augenscheinlich, wenn man Zeitpunkt und Bedeutung der Prägung beim Herdenschutzhund und beim Spitz vergleicht.
Beim Herdenschutzhund muss die Prägung auf „seine“ zu schützende Tiergruppe nicht nur sehr früh (meist ab etwa der 3. Lebenswoche!) stattfinden – sie hat auch grundlegende Bedeutung für die Frage, wie und ob er überhaupt als Herdenschützer korrekt arbeitet. Soll er eine Schafherde verteidigen, muss er im Grunde genommen bereits unter Schafen aufwachsen, weil er sich selbst als Bestandteil dieser Tiergruppe begreifen muss. Er muss sich also selbst für ein Schaf halten – wenn auch für ein „besonderes“ und etwas anderes Schaf. Das ist etwas grundlegend Anderes, als nur eine Beziehung zu dieser Tiergruppe aufzunehmen. Die Prägephase von Herdenschutzhunden ist darum auch nachweislich früher und bedeutsamer als die Prägephase beispielsweise bei Jagd- oder Hütehunden.
Beim Spitz, der ebenfalls von einer frühen Prägung sehr profitiert (allerdings reicht bei ihm ein Alter von 6 bis 8 Wochen – die gesetzliche „Alle-Hunde-sind-gleich-Regelung“ wird ihm nicht gerecht und Tierschutz, der sich nicht an den Bedürfnissen der Tiere selbst orientiert ist m. E. falsch verstandener Tierschutz!), sollte man darauf achten, dass man ihn nach Möglichkeit mit der ganzen Familie vom Züchter abholt. Ist das nicht möglich, sollte zumindest bei seinem allerersten Eintreffen im neuen Zuhause die gesamte Familie anwesend sein.
Genau die Menschen, die er dann vorfindet, betrachtet er als „seine“ Familie und wird sie bis zur letzten Faser verteidigen – jeder Andere, der später hinzukommt (selbst, wenn es nur ein paar Stunden sind!), fällt bei ihm unter die Rubrik „Ferner liefen…“. Die einzige Ausnahme dabei bilden später geborene Kinder, die er regelrecht fanatisch beschützt und behütet.
Und er wird auch genau das Zuhause, das er in diesem Moment vorfindet, als das Territorium ansehen, das für seine spätere sog. Hoftreue entscheidend ist. Wobei er sehr wohl auch ein mobiles neues Zuhause entsprechend einordnet (z. B. in früheren Zeiten den Planwagen oder Kahn – heute evtl. ein Wohnmobil). Die genauen Grenzen muss man ihm allerdings beibringen. Wie wichtig diese Prägung für einen Spitz ist und wie weit sie geht, mag vielleicht nebenstehender Textausschnitt eines Artikels von Th. Hering von 1873 (in ,,Diana. Blätter für Jagd- und Hundefreunde“, S, 189) noch einmal verdeutlichen.
Dabei ist es auch blanker Unfug, wenn manche heutige Spitzzüchter den Anspruch erheben, dass neue Besitzer auf alle Fälle ein eigenes Haus haben sollen. Es zeigt im Grunde nur, dass sie nicht einmal ihre eigenen Hunde kennen und wissen, was sie da eigentlich züchten! (Ich selbst würde bei einem solchen „Züchter“ auf dem Absatz kehrt machen!)
Ein eigenes Haus ist für den Spitz das zweitwichtigste Bedürfnis nach dem U-Boot-Führerschein.
Als Begleiter wandernder Händler wie der Kiepenkerle hat der Spitz in früheren Zeiten die Kiepe und deren unmittelbares Umfeld bewacht – immer dort, wo sie gerade abgestellt wurde. Dieses für viele Spitze sehr typische Verhalten hatte ich mal bei meinem Griepto gefilmt. Sobald ich mich beim Spaziergang auf eine Bank gesetzt habe, hat er diesen Platz bewacht – Annäherung nur noch mit meiner Einladung!


Für einen Spitz ist nicht wichtig, wie groß sein Refugium ist, sondern nur, dass er etwas zu bewachen hat!
Diese Prägung hält beim Spitz, ebenso wie beim Herdenschutzhund, sein Leben lang an. Und genau diese Prägung ist dafür verantwortlich, dass Spitze im Normalfall erheblich (!) stärker auf „ihren“ Menschen oder „ihre“ Familie fixiert sind als andere Hunde.
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Bibliografie
Die Angaben mit vorangestellter Jahreszahl beziehen sich auf wissenschaftliche Publikationen, die mit vorangestelltem Namen des Autors/der Autoren/Herausgebers auf Bücher und sind unter dem jeweiligen Link zu finden. (Sofern sie nicht ausschließlich käuflich zu erwerben sind!)
Diese und weitere Literatur finden Sie unter: Deutscher Spitz – Info-Zentrum
- 1992 Peters, Joris, Der Hund in der Antike aus archäozoologischer Sicht ↩︎
- Schmitt, Otto, Vom 2000 Jahre alten „Darmstädter Spitz“ und von Darmstadt und den Darmstädtern in der Zeit danach, Herausgegeben vom Heimatverein Darmstädter Heiner e. V., keine ISBN-Nr. ↩︎
- 2017 Botigue, Laura R. et al., Ancient European dog genomes reveal continuity since the Early Neolithic ↩︎
- 2020 Guagnin Maria et al.,The Holocene humid period in the Nefud Desert: Hunters and
herders in the Jebel Oraf palaeolake basin, Saudi Arabia; 2017 Guagnin, Maria et al., Pre-Neolithic evidence for dog-assisted hunting strategies in Arabia; 2021 Guagnin, Maria et al., Life-sized Neolithic camel sculptures in Arabia: A scientific assessment of the craftsmanship and age of the Camel Site reliefs; 2018 Scerri ,Eleanor M.L. et al,,Neolithic pastoralism in marginal environments during the Holocene wet phase, northern Saudi Arabia ↩︎ - Autengruber-Thüry, Heidelinde, Hunde in der römischen Antike, Rassen-Typen-Zucht-Haltung und Verwendung, Archäopress 2021, ISBN 978-1-78969-836-7 ↩︎
- Autengruber-Thüry, Heidelinde, Hunde in der römischen Antike, Rassen-Typen-Zucht-Haltung und Verwendung, Archäopress 2021, ISBN 978-1-78969-836-7 ↩︎
- 2011 Gonzalez, Jérôme, Maltais, trophè, ktèsios…, ENIM 4, 2011, p. 158-196 ↩︎
- Pallas, P. S., Merkwürdige Nachrichten von den Mongolischen Völkerstämmen, 1776 ↩︎
- Walther, Dr. Friedrich Ludwig, Der Hund, 1817, S. 21 ↩︎

